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Volksfreund-Bankengipfel: Von entmündigten Bürgern und gegängelten Banken

Volksfreund-Bankengipfel: Von entmündigten Bürgern und gegängelten Banken

Zum zweiten Mal nehmen die Chefs von regionalen Sparkassen und Genossenschaftsinstituten Europas Geldpolitik unter die Lupe und analysieren die Entwicklungen für Verbraucher, Unternehmen und Gesellschaft.

Mehr als zwölf Milliarden Euro Bilanzsumme, weit über 3000 Mitarbeiter und Hunderttausende Kunden. Keine Frage, die Musik in der regionalen Bankenwelt spielt bei den Sparkassen sowie Volksbanken und Raiffeisenbanken. Doch die Noten geben die EU in Brüssel und die EZB in Frankfurt vor. Und bei den Instituten in der Region führt das zu heftigen Misstönen.

Ein wenig hat der zweite Bankengipfel des Trierischen Volksfreunds mit den regionalen Sparkassen sowie Volks- und Raiffeisenbanken seine Déjà-vu-Momente. Vor knapp zwölf Monaten, beim ersten Bankengipfel, hatten die Vorstände die Politik der Europäischen Zentralbank (EZB) kritisiert und vor den Gefahren der Niedrigzinspolitik gewarnt. Die Lage hat sich sogar noch verschärft, und nun setzt auch die Europäische Union mit neuen Regulierungswellen die "kleinen" Sparkassen und Genossenschaftsbanken unter Druck. Die Vorstände der regionalen Banken schlagen in der Diskussionsrunde Alarm.

1) Mit dem 21. März hat die Bundesregierung die EU-Wohnimmobilienkreditrichtlinie in deutsches Recht umgesetzt, wonach die Kreditfinanzierung von Privatimmobilien erschwert wird. Erste Banken warnen bereits davor, dass jede fünfte Anfrage abgelehnt wird. Wie handhaben Sie dies?

Norbert Friedrich von der Volksbank Trier hält die Immobilienkreditrichtlinie für "unausgegoren und geschäftsverhindernd" in einer Phase, in der die Banken angehalten seien, ausreichend Kredite zu vergeben. Friedrich: "Das ist eine riesige Herausforderung für Kunden und Banken, auf die wir gerne verzichtet hätten." Die Richtlinie stelle den Schutz der Immobilie des Verbrauchers so sehr in den Vordergrund, dass auch ein vorgesehener Kapitalverzehr nicht möglich sei. Dies betreffe zum Beispiel ältere Kunden mit geringen Renten, die notwendige Renovierungsmaßnahmen ausführen möchten. "Eine solche Finanzierung kann ab sofort nicht mehr auf den Erlös aus dem späteren Verkauf der Immobilie abgestellt werden. Sogar wenn das Einkommen des Rentners ausreichend wäre, wird sein Alter als Risikofaktor berücksichtigt und kann zu einer Ablehnung führen. Auch bei jungen Familien kann es zu Problemen kommen, wenn bei geringem Eigenkapital eine nahezu 100 Prozent-Finanzierung notwendig wäre", sagt Friedrich.

Die neuen Vergabekriterien gehen laut Michael Hoeck von der Vereinigten Volksbank Raiffeisenbank Wittlich viel mehr gegen den Verbraucherschutz, als dass sie ihn verbessern: "Wir entfernen uns Lichtjahre vom Prinzip des mündigen Bürgers." Die neuen Regeln strotzten nur so von handwerklichen Fehlern.

Andreas Theis von der Volksbank Bitburg bezeichnet das neue Bundesgesetz gar als einen weiteren Schritt zur "Entmündigung des Bürgers".

Die Verhältnismäßigkeit sei nicht gewahrt worden, bemängelt Ingolf Bermes von der Kreissparkasse Bitburg-Prüm: "Regeln sind wichtig, sie müssen aber einen Mehrwert haben. Ein Koffer voller Papiere hilft den Kunden nicht wirklich." Wenn nun eine Wohnbaufinanzierung über 20 Jahre angesetzt sei, müsse im Vorfeld sogar ein Rentenbescheid herangezogen werden, um die Solvenz des Kreditnehmers zu belegen. Aus Sicht der regionalen Sparkassen und Genossenschaftsbanken treffen die Kreditregeln die Falschen. "Wir arbeiten ein Leben lang mit unseren Kunden zusammen, vom ersten Sparbuch bis zum Nachlass", nennt Dietmar Pitzen von der Kreissparkasse Daun als Beispiel. "Wir haben doch auch früher schon geschaut, ob wir jemandem einen Kredit geben können. Passt die Immobilie zum Kunden? Passt die Finanzierung zum Kunden? Diese Selbstverständlichkeit muss nun auch noch unnötig dokumentiert werden."

Die Folge laut Ingolf Bermes, Vorstandschef der Kreissparkasse Bitburg-Prüm: "Wenn ein Berater bisher am Tag vier Gespräche zur Immobilienfinanzierung leisten konnte, schafft er unter der Belastung der neuen Richtlinie heute nur noch zwei."

Andreas Theis gesteht: "Wir gehen nun anders, aufwendiger und sicherlich auch vorsichtiger an die Finanzierung ran. Freiheit in der Gestaltung einer Finanzierung und Realisierung von individuellen Kundenwünschen sind stark eingeschränkt."

Sein Kollege von der Volksbank Trier hat in den vergangenen Wochen bereits "zwei Kredite ablehnen müssen, die wir vor einem Jahr noch ohne Umstände bewilligt hätten", sagt Norbert Friedrich. Die regionalen Institute würden seit jeher bei ihrer Beurteilung auf zwei Aspekte schauen: auf die Menschen und das Bauobjekt. "Bei unserer Bewertung zählt vor allem eins: Lage, Lage, Lage."

Edmund Schermann, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Mittelmosel Eifel Mosel, kritisiert ebenfalls die "Regulierungswut": "Immer neue Gebote und Verbote. Wer von den Kunden kann das überhaupt noch verstehen?" Dabei habe sich das Geschäftsmodell von Sparkassen und Volksbanken seit 200 Jahren bewährt. "Es fußt auf der Verlässlichkeit der Beratung und der Verlässlichkeit der Kunden." In der gesamten Region seien zumindest Zwangsversteigerungen von Immobilien die Ausnahme.

2) Angesichts der EU-Vorgaben: Wie steuern Sie im Sinne des Verbrauchers gegen?

Günther Passek von der Sparkasse Trier ist "wenig hoffnungsfroh, dass es zu weniger Regulierungen kommen könnte". Dabei brauche die reine Wohnbaufinanzierung im Grunde keine neuen Regeln. Laut Norbert Friedrich seien nirgends in Europa die EU-Vorgaben so hart umgesetzt worden wie in Deutschland: "Diese Regeln sind sicherlich noch nicht in jeder andalusischen Regionalbank bekannt."

Dietmar Pitzen sieht die Vorgaben im europäischen Kontext. "Es ist in Europa nicht gewollt, Individualität im Bankenwesen zuzulassen. Die Großbanken diktieren die Entwicklung", bemängelt er.

Dies sei eine Folge der Fehler, die bei der Einführung des Euro gemacht wurden, ist Michael Hoeck überzeugt. "Nun holen uns die Sünden von damals ein, den Staaten keine einheitliche Linie in der Finanzpolitik vorzugeben."

Edmund Schermann bemüht einen Vergleich zum europäischen Fußball: "Wenn die EU für alle Banken Regeln der Großbanken im Format der Champions League vorgibt, dann müssten wir als kleine Sparkassen und Genossenschaftsbanken mittelfristig unseren Verein abmelden." Dabei habe genau die existierende Bankenlandschaft in Deutschland aus Sparkassen, Genossenschaftsbanken und Großbanken die Wirtschaft stabil gehalten. "Die zunehmende Regulierung empfinden wir wie eine Schlinge um den Hals, die uns mittelfristig die notwendige Luft zum Atmen nimmt."

Andreas Theis erhofft sich Unterstützung von der Politik. "Ich habe das Gefühl, dass die deutsche Politik und vor allem unsere Politiker vor Ort wissen, wie wichtig der Mittelstand für unsere wirtschaftliche Stabilität ist." Ein Teil dieses robusten Mittelstandes seien auch die Sparkassen und Volksbanken. Doch die deutsche Politik müsse sich zum Schutz dieser Strukturen auch bei den europäischen Partnern durchsetzen.

Eine Einschätzung, die Norbert Friedrich teilt: "Wir sind wichtiger Bestandteil des Mittelstandes und deshalb maßgeblich daran beteiligt, dass die Entwicklung hierzu lande seit vielen Jahrzehnten so positiv ist."

3) Seit Monaten existieren quasi keine Zinsen mehr. Nun sind auch erstmals die Guthaben für langfristige Anleihen ins Minus gerutscht. Geld anzulegen wird also bestraft. Wie wollen Sparkassen und Genossenschaftsbanken denn in Zukunft noch Geld verdienen?

Die lange Niedrigzinsphase setzt den Banken nun schon lange zu. "Bei unserem Treffen vor einem Jahr haben wir uns gefragt, wie es mit dieser Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank noch weitergeht", erinnert sich Günther Passek. Dabei müssten die Institute alles auf den Prüfstand stellen. Auch die Personalsituation und das Filialnetz. "Die Lage ist bei allen gleich, und natürlich müssen wir auch über Filialschließungen reden; der TV hat das in den vergangenen Wochen ja beschrieben." Dabei werde man ganz genau das Kundenverhalten und die Kundenwünsche im Auge behalten.

"Einen individuellen Geldbringdienst für ältere Kunden, wie ihn nun andere Banken in Deutschland nach Filialschließungen anbieten, haben wir übrigens schon vor Jahren eingeführt." Doch der Service - der den Wegfall der mobilen Sparkassenbusse abfedern sollte - sei so gut wie gar nicht nachgefragt worden und wurde daher wieder eingestellt. Zudem müsse sich jedes Institut überlegen, "ob es noch kostenfreie Leistungen gibt". Als Beispiel nannte er die früher für Kunden kostenfreie Münzgeldbereitstellung, die jeder, der die Leistung in Anspruch nimmt, nun zahlen müsse.

"Eine schwere Situation" sieht Edmund Schermann. "Das geht ans Eingemachte, denn rund 80 Prozent des Ertrages laufen über das Zinsgeschäft. So eine Phase hatten wir niemals zuvor." Sparkassen und Volksbanken sammelten vor allem Einlagen und gäben sie als Kredite an Privatkunden und an den Mittelstand weiter. Und bei den niedrigen Zinsspannen verdienen auch die regionalen Banken weniger. "Also müssen wir Provisionserträge weiter ausbauen."

Michael Hoeck schließt sich der Einschätzung an. "Unser Kerngeschäft ist der typische Zehn-Jahres-Kredit." Dabei gehe es den regionalen Instituten schon von ihrem Selbstverständnis als Genossenschaftsbanken und Sparkassen nicht um Gewinnmaximierung um jeden Preis. Darin unterscheide man sich von den Groß- und Internetbanken. "Doch auch wir müssen uns die Frage stellen: Welche Leistungen können wir zu welchem Preis anbieten?"

Die Akteure sind nicht nur pessimistisch, sie verweisen auf die Alleinstellungsmerkmale ihrer Institute. Dietmar Pitzen: "Wir punkten bei unseren Kunden mit Transparenz, Fairness und unserer Präsenz vor Ort." Man müsse sich zwar umstellen, doch die Grundprinzipien blieben sicherlich erhalten.

Bei der Kreissparkasse Bitburg-Prüm werd man sicher auch in Zukunft kein Geld, wie es manche Bank jetzt überlege, in den Tresor legen, um Strafzinsen zu vermeiden, sagt Ingolf Bermes. Mit effizientem Kostenmanagement will sein Institut die Herausforderung annehmen. Gleichzeitig warnt er aber auch, dass die Politik der Europäischen Zentralbank natürlich auch das Sparverhalten der Bürger negativ beeinflusse. Ein Drittel der Menschen treffe keine Vorsorge fürs Alter. "Hier muss die Politik handeln und das Vermögensbildungsgesetz dringend reformieren."

Darin sieht auch Norbert Friedrich ein Problem: "Die EZB hat mit ihrer Politik quasi den Zins mit seiner Regulierungsfunktion außer Kraft gesetzt." Die Absicht, damit dafür zu sorgen, dass die Banken noch mehr Kredite an Firmen verleihen, funktioniere nicht. "Hier gibt es keine Kreditklemme."

Der Nullzins habe zur Folge, dass es immer schwieriger werde, junge Leute für eine private Altersvorsorge zu gewinnen, und dass insgesamt der Spargedanke verloren gehe. Diese Entwicklung bereitet den Vorständen die größte Sorge. Michael Hoeck schimpft: "Die Sparer werden derzeit schleichend enteignet." Und Andreas Theis warnt: "Wenn es uns nicht mehr gäbe, wäre es für viele schwieriger und teurer. Ein Oligopol an Konzernbanken für alle? Da ist es doch besser, dass wir mittelständisch organisiert sind und damit nah dran an den Menschen der Region."

Mit den Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbankdirektoren diskutierten der stellvertretende Chefredakteur Peter Reinhart und die Redakteure Sabine Schwadorf und Heribert Waschbüsch.

Der TV organisiert regelmäßig den Bankengipfel und hinterfragt aktuelle Finanzthemen mit den regionalen Akteuren.Das sind die Teilnehmer

Ingolf Bermes (56 Jahre) ist seit 2002 Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Bitburg-Prüm. Die Kreissparkasse hat eine Bilanzsumme von 1,3 Milliarden Euro (2015). 330 Mitarbeiter sind in 25 Filialen beschäftigt.

Norbert Friedrich (55) ist seit 2012 im Vorstand der Volksbank Trier, die 2015 mit der Volksbank Hochwald-Saarburg fusionierte. Die Bank hat mehr als 320 Mitarbeiter und 44 Filialen. Bilanzsumme: 1,28 Milliarden Euro.

Michael Hoeck (47) ist Vorstandssprecher der Vereinigten Volksbank Raiffeisenbank mit Sitz in Wittlich. Sie hat eine Bilanzsumme von 862 Millionen Euro (2015) und beschäftigt 210 Mitarbeiter. Es gibt 16 Filialen.

Günther Passek (60) ist Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Trier. Das Institut verwaltet eine Bilanzsumme von 4,13 Milliarden Euro (2015). Es sind 937 Menschen in derzeit noch 67 Filialen beschäftigt. 23 Filialen sollen in absehbarer Zeit geschlossen oder in sogenannte Selbstbedienungsfilialen umgewandelt werden.

Dietmar Pitzen (44) ist Vorstandsvorsitzender der Kreissparkasse Vulkaneifel mit Sitz in Daun. Sie hat eine Bilanzsumme von 831 Millionen Euro (2015), beschäftigt 220 Mitarbeiter und verwaltet 15 Filialen.

Edmund Schermann (58) ist seit 2014 Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Mittelmosel Eifel Mosel, die ihren Sitz in Bernkastel-Kues hat. Sie hat eine Bilanzsumme von 2,6 Milliarden Euro (2015), 551 Mitarbeiter in 30 Geschäftsstellen und 25 SB-Stellen.

Andreas Theis (52) ist seit 1998 im Vorstand der Volksbank Bitburg eG. Sie fusionierte in diesem Jahr mit der Volksbank Eifel Mitte. Die neue Volksbank Bitburg hat eine Bilanzsumme von 1,3 Milliarden Euro, 350 Mitarbeiter und 30 Filialen. sas/hw