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"Vom Kalten Krieg noch weit entfernt"

"Vom Kalten Krieg noch weit entfernt"

Hat Griechenland 70 Jahre nach Kriegsende Anspruch auf deutsche Reparationszahlungen in Milliardenhöhe? Nein, sagte der ehemalige Kanzlerberater Horst Teltschik. Der CDU-Politiker ist am Montag für eine Gastprofessur in Trier. Mit Horst Teltschik (74) sprach TV-Redakteur Rolf Seydewitz.

Herr Teltschik, wie gut kennen Sie die Region Trier?Horst Teltschik: Ich war in den 70er Jahren unter dem damaligen Ministerpräsidenten Helmut Kohl Referent in der Mainzer Staatskanzlei und bin mit Kohl häufig durch Rheinland-Pfalz gereist. Natürlich waren wir auch öfter an der Mosel und haben dort auch das eine oder andere Glas Wein getrunken. Ein guter Freund von mir, der ehemalige Regierungspräsident Gerhard Schwetje, wohnt ja noch in Trier. Wie kam es dazu, dass Sie eine Gastprofessur an der Uni Trier übernommen haben?Teltschik: Universitätspräsident Michael Jäckel hat angefragt. Und es hat mich gereizt, mal wieder nach Rheinland-Pfalz und speziell nach Trier zu kommen. Sie waren ja auch Berater von Altbundeskanzler Helmut Kohl, als von den Außenministern vor 25 Jahren der Zwei-plus-vier-Vertrag ausgehandelt worden ist. Durch die Reparationsforderungen Griechenlands ist der Vertrag heute wieder in aller Munde. Sind die Milliardenforderungen Griechenlands denn nun berechtigt oder haben sie sich durch den damals geschlossenen Vertrag erledigt?Teltschik: Wir haben damals von Anfang an einen Friedensvertrag abgelehnt - nicht zuletzt wegen möglicher Reparationsforderungen. Es ist ja bekannt, dass Deutschland die letzte aus dem Versailler Vertrag resultierende Reparationsrate erst im vergangenen Jahr gezahlt hat. Heißt: Die Forderung der Griechen ist nicht gerechtfertigt?Teltschik: Das Nazi-Regime war ja nicht nur mit Griechenland, sondern mit über 50 Ländern im Kriegszustand. Und in welchem Land hat Deutschland keine Kriegsschäden hinterlassen?! Es gab deshalb Einvernehmen, dass mit dem Zwei-plus-vier-Vertrag alle Forderungen an Deutschland, die sich aus dem Zweiten Weltkrieg ergeben könnten, erledigt sind.Aber ist es nicht denkbar, dass dieses Fass jetzt erneut aufgemacht wird?Teltschik: Ich kann das nicht ausschließen, das ist eine Entscheidung der Bundesregierung. Ich bin der gleichen Meinung wie Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel, der die Verknüpfung der Euro-Diskussion mit der Reparationsfrage als dumm bezeichnet hat. Griechenland müsste ein größeres Interesse daran haben, dass die Eurokrise gelöst wird - und zwar so, dass das Land Mitglied in der Europäischen Union bleibt. Kommen wir zu einem anderen, wesentlich heikleren Konfliktherd: dem Krieg in der Ostukraine. Sie haben vor einiger Zeit an die Bundestagsabgeordneten appelliert, "aufmerksam über die Friedenspflicht der Bundesregierung zu wachen". Was ist der Hintergrund dieses Appells?Teltschik: Schon unter Helmut Kohl war es die Politik der Bundesregierung, die Sicherheitsinteressen der Sowjetunion und später Russlands ernstzunehmen, auch wenn sie teils maßlos übersteigert sind. Mit der im November 1990 von 34 Ländern unterzeichneten Charta von Paris, die das Ende des Kalten Krieges und der Teilung Europas dokumentierte, wurde übrigens die Perspektive eröffnet für eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsordnung. Leider wurde dies nie umgesetzt, besser gesagt verschlafen.Apropos Kalter Krieg: Sie referieren am Montag in Trier über das Thema "Vom Kalten Krieg zur Entspannungspolitik". Sind wir inzwischen wieder auf umgekehrtem Weg?Teltschik: Ich war ja unmittelbarer Zeuge des Kalten Kriegs. Und jeder Vergleich mit dem Kalten Krieg ist künstlich, denn wir standen ja damals mehrfach vor dem Beginn eines Dritten Weltkriegs. Davon sind wir heute weit entfernt. Aber natürlich haben sich die Beziehungen zu Russland verschlechtert.Wie bewerten Sie das Verhalten der Bundesregierung in diesem Konflikt?Teltschik: Ich bin sehr zufrieden, dass die Bundeskanzlerin im Abkommen Minsk 2 nicht nur eine Befriedung der Ukraine gefordert, sondern auch Russland eine Perspektive für eine gesamteuropäische Freihandelszone aufgezeigt hat. Und Außenminister Frank-Walter Steinmeier hat zu Recht gesagt, dass wir dann auch das Thema einer europäischen Friedensordnung wieder angehen müssen. Inwiefern haben Sie heute noch Kontakt zu Helmut Kohl?Teltschik: Ich habe immer mal wieder Kontakt mit ihm. Er war ja auch mehrfach zur Reha am Tegernsee, wo ich wohne. Aber da die Distanz zwischen meinem Wohnort und Oggersheim doch ziemlich groß ist, sehe ich ihn eher selten. seyExtra

Horst Teltschik studierte Politische Wirtschaft, Neuere Geschichte und Völkerrecht an der Freien Universität Berlin. Von 1970 bis 1972 arbeitete er in der CDU-Bundesgeschäftsstelle. 1972 wechselte Teltschik in die Staatskanzlei Rheinland-Pfalz. 1977 wurde er Büroleiter des Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Fünf Jahre später wechselte Teltschik ins Bundeskanzleramt. Er war maßgeblich an den Verhandlungen zur Wiedervereinigung beteiligt. Später war Teltschik Vorsitzender der Bertelsmann-Stiftung, Vorstandsmitglied bei der BMW-Group und Vizepräsident von Boeing International. Von 1999 bis 2008 leitete er die Münchner Sicherheitskonferenz. Teltschik (74) lebt mit seiner Familie am Tegernsee. sey Extra

Horst Teltschik hält als Gastprofessor drei Vorträge an der Trierer Universität. Am Montag, 20. April, geht es um das Thema "Vom Kalten Krieg zur Entspannungspolitik". Am Montag, 11. Mai, spricht er über den Weg vom Fall der Mauer zur deutschen Einheit. Am Montag, 8. Juni, spricht Horst Teltschik über Perspektiven für eine gesamteuropäische Friedens- und Sicherheitsordnung und für eine neue Weltordnung. Alle Vorträge sind um 18 Uhr im Hörsaal 4. Auch Nichtstudierende sind willkommen. sey