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Von der Bruchbude zur wahrhaft schönen Aussicht

Von der Bruchbude zur wahrhaft schönen Aussicht

Berlin. Von vielen Anekdoten umrankt, für gut 24 Millionen Euro umgebaut und nun endlich bezugsfertig: Das Schloss Bellevue ist in zweijähriger Renovierungszeit von der Bruchbude wieder zum Schmuckstück geworden. Am Wochenende kann der Bundespräsident einziehen.

Es gibt viele schöne Anekdoten, die in den vergangenen Jahren aus dem hellen, fast weißen "Dreiflügelbau" überliefert worden sind. Kleinere Katastrophen und peinliche Pannen, die für Erheiterung und Spott sorgten, die das Berliner Schloss Bellevue aber irgendwie auch liebenswert machten. Man musste ja nicht drin wohnen, freute man sich immer. Es gab Stromausfälle, wie beim Besuch des norwegischen Königs; es gab Schweißausbrüche wegen zu hoher Raumtemperaturen, wie bei einem Empfang der deutschen Fußballnationalmannschaft. Ab und an blieb auch mal ein Staatsgast im maroden Aufzug stecken, oder es platzten die alten Wasserrohre, während repräsentativ im Amtssitz des Bundespräsidenten gefeiert wurde. Aus und vorbei: Die Zeit der bösen Überraschungen hinter der schicken Fassade ist ad acta gelegt. Am kommenden Wochenende wird Bundespräsident Horst Köhler den neuen Haustürschlüssel von Bauminister Wolfgang Tiefensee überreicht bekommen - und das Staatsoberhaupt betritt dann ein völlig saniertes, aber dennoch 200 Jahre altes Schloss. Wieder zu Hause. Heraus aus der Übergangslösung Schloss Charlottenburg, hinein ins Bellevue. Der klassizistische Bau erstrahlt nach Um- und Einbauten für insgesamt 24,3 Millionen Euro im neuen Glanz. Offiziell eröffnet wird der Amtssitz am 11. Januar mit dem Neujahrsempfang des Bundespräsidenten, am nächsten Sonntag können aber schon die Bürger bei einem Tag der offenen Tür einen Blick hinter die schweren und reich verzierten Holztüren werfen. Bereits einmal in Beschlag nehmen durften das Schloss die knapp 200 Mitarbeiter des Präsidenten - sie begingen im gediegenen, unverändert gebliebenen Kuppelsaal des Hauptgebäudes ihre Weihnachtsfeier. Es war die Generalprobe für künftige Empfänge. Und schief ging diesmal nichts. 200 Jahre alt - und vieles völlig neu

Wieder zu Hause stimmt allerdings nicht ganz. Das 10 000 Quadratmeter große Gebäude wurde in zwei Jahren zwar unter großen Denkmalschutzauflagen rekonstruiert, ansonsten ist jedoch vieles völlig neu: Die Haustechnik, die Strom-, Abwasser- und Wasserleitungen; darüber hinaus wurde eine neue Heizungs- und Lüftungsanlage installiert, die nicht nur leidige Schwitzattacken verhindern soll, sondern auch dem Erhalt der zahlreichen Kunstwerke dient, die in den Salons ihren ständigen Platz gefunden haben. Der Küchenbereich für Staatsbankette wurde ebenfalls modernisiert - wo früher mitunter fleißig improvisiert werden musste, können die Köche jetzt nach Belieben schalten und walten. Und auch das Sicherheitskonzept ist neu: Neben einer kompletten Sicherheitsverglasung gibt es eine Rundum-Videoüberwachung, dazu Geräusch- und Bewegungsmelder. Früher konnte man schon einmal mit ein bisschen Geschick unerkannt in den weitläufigen Schlosspark gelangen. Dass beim Bundespräsidenten aber tatsächlich heimelige Gefühle aufkommen werden, darf bezweifelt werden: Seine im Südflügel vorhandene Vier-Zimmer-Wohnung musste weichen - für Büros von Gattin Eva Luise Köhler samt Mitarbeitern sowie einem Speisesaal für kleinere Gruppen. Bisher gab es für den Präsidenten nämlich kaum Räumlichkeiten, um wenige Besucher im überschaubaren Rahmen zu empfangen. Ohnehin hatte Horst Köhler ja nie vor gehabt, in das Schloss einzuziehen. Der letzte und einzige Bundespräsident, der dort mit seiner Frau wohnte, war Roman Herzog. Von ihm ist überliefert, dass er Bellevue einmal als "Bruchbude" bezeichnete. Seinen Nachfolger Johannes Rau warnte er daher 1999: "Ziehen Sie bloß nicht ins Schloss. Mal haben sie Heizung, mal Wasser. Aber Abwasser haben sie immer." Rau beherzigte den gut gemeinten Rat und wohnte lieber im feinen Berlin-Dahlem. Als er dann 2004 seinen Schreibtisch für Köhler räumen musste, fiel ihm auf die Frage, ob er den anmutigen Bau am Spreeweg 1 wenigstens vermissen werde, nur geringschätzig ein: "Also den Park schon, obwohl ich ihn wenig besucht habe." Ab dem Wochenende wird Bellevue seinem Namen aber endlich wieder gerecht werden: "Schöne Aussicht" heißt das neue Schmuckstück übersetzt - auf komfortables Arbeiten und feine Bankette.