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Von Frühchen, Kängurus und dem Willen zum Leben

Von Frühchen, Kängurus und dem Willen zum Leben

Kinder, die zu früh auf die Welt kommen, habe immer bessere Überlebenschancen. Dass es für Eltern und Kinder aber dennoch nicht leicht ist, zeigt ein Blick in die Spezialabteilungen im Mutterhaus der Borromäerinnen.

Trier. Wenn alles klappt, wird Carl an Weihnachten zu Hause sein. Doch für seine Eltern ist er schon jetzt das größte Geschenk. "Für uns ist aber vor allem wichtig, dass er gesundheitlich stabil ist", sagt Sophie Wiesner mit einem Blick auf den kleinen Menschen in ihrem Arm, der gerade sichtlich ermattet an seiner Trinkflasche nuckelt. Noch führt der dünne Schlauch einer Magensonde in seine Nase. Doch das wird bald nur eine Erinnerung sein.
Carl ist eines von 52 sehr kleinen Frühgeborenen, die sich bislang in diesem Jahr im Mutterhaus der Borromäerinnen ins Leben gekämpft haben. Nur 36 Zentimeter groß und 940 Gramm schwer war der Junge, als er in einer auch für seine Eltern dramatischen Nacht mit einer Notoperation in die Welt geholt wurde, fast drei Monate vor dem errechneten Geburtstermin.
"Wir waren beide auf den Intensivstationen", erinnert sich Sophie Wiesner an die ersten 14 gemeinsamen Tage, in denen die beiden fast immer getrennt waren. Partner und Papa Sigmar Huwer übernahm in dieser Zeit die Aufgabe, seinen Sohn beim Kampf in das Leben durch Nähe und Zuneigung zu unterstützen.
Mehr als 7000 Kinder hat Dr. Gerd Lenninger in den vergangenen 30 Jahren auf die Welt gebracht. Der Leitende Oberarzt der Geburtshilfe weiß, was Eltern von Frühgeborenen auch mental mitmachen. "Das ist oft eine Achterbahn der Gefühle. Je kleiner ein Frühchen ist, desto größer ist die Gefahr von Komplikationen an Lunge, Darm oder Gehirn."
In Deutschlands Kinderkliniken sind Frühgeborene nicht ohne Grund die größte Patientengruppe. Wichtig sei es deshalb, Kind und Eltern von Beginn an zu unterstützen und zu betreuen.
Was damit zum Beispiel gemeint ist, wird beim Blick in ein Zimmer der Frühgeborenenstatoin deutlich, wo zwar Technik, Plexiglas-Brutkästen und Wärmebettchen die Zimmer dominieren. Dennoch herrscht eine ruhige und konzentrierte Atmosphäre. Nicht nur einmal ist da der mit der Comicfigur eines Kängurus verzierte Hinweis zu sehen. Es ist eine Aufforderung an die Eltern. Denn mit der Känguru-Methode (siehe Extra) sollen diese winzigen Geschöpfe so schnell wie möglich Körperkontakt zu ihren Eltern bekommen.
Mit diesem Ansatz entspricht das Perinatalzentrum (perinatal = um die Geburt herum) der höchsten Qualitätsstufe Level 1 ziemlich genau den Forderungen, mit denen sich der Bundesverband "Das frühgeborene Kind" heute an die Öffentlichkeit wendet. "Noch immer müssen in vielen Geburtskliniken in Deutschland Eltern auf den wertvollen Hautkontakt mit ihren Kindern verzichten, weil gerade niemand da ist, der Zeit hätte, beim Umlagern des Kindes vom Inkubator auf die Brust des Vaters oder der Mutter zu helfen", moniert Barbara Grieb, Vorstandsvorsitzende der überregional organisierten Elternorganisation. Deutschland leiste sich im europäischen Vergleich mit mehr als 220 zwar die meisten Perinatalzentren für Kinder unter 1500 Gramm Geburtsgewicht, so Grieb. "Aber nicht alle Standorte sind in der Lage, die für eine gute Frühgeborenenversorgung definierten Qualitätsziele zu erfüllen."
Dr. Wolfgang Thomas, Chefarzt der Kinder- und Jugendmedizin im Mutterhaus Trier, sieht sein Haus nicht als Ziel solcher Kritik. "Wir sind gut", ist er überzeugt. Der unabhängige bundesweite Vergleich aller Perinatalzentren durch das OQTIC (Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen ( <%LINK auto="true" href="http://www.perinatalzentren.org" text="www.perinatalzentren.org" class="more"%> ) bestätigt diese Einschätzung.
Doch es sind nicht alleine die guten Statistikwerte, die Chefarzt Thomas und dem Team von Geburtshilfe, Kinder- und Jugendmedizin und Kinderintensivpflege wichtig sind.
"Wir schaffen hier ein gutes System, das die ganze Familie nicht in ein Loch stürzen lässt", sagt Gerd Lenninger. Stationsleiterin Bianca Gorges spricht von Rundumbetreuung. "Wir haben ein gutes Netzwerk", sagt sie und meint damit auch die Nähe zur Villa Kunterbunt und die engen Kontakte mit dem Kinder-Frühförderzentrum.
Die sind notwendig, weil alle Frühgeborenen auch nach der Entlassung aus der Klinik zusätzlich zu den normalen Vorsorgeuntersuchungen ein standardisiertes Nachsorgeprogramm absolvieren müssen. Denn Frühchen haben trotz aller Fortschritte der Medizin ein größeres Risiko für das weitere Leben. So ist die Anfälligkeit für Aufmerksamkeits-, Konzentrations- und Lernprobleme größer als bei reif geborenen Kindern. "Besonders wichtig ist deshalb eine maximale Förderung", verdeutlicht Gerd Lenninger. "Dann können die meisten früh Geborenen ein gutes und selbstständiges Leben führen."
Auch dem kleinen Carl, der friedlich in den Armen seiner Mutter schläft, soll das gelingen. "Es ist toll, wie menschlich es hier zugeht", lobt Sophie Wiesner, die jeden Tag mit ihrem Sohn verbringt, seit sie ihre eigene Krankheit überwunden hat. "Es wird einem das Gefühl genommen, hilflos zu sein." Es ist ein gutes Gefühl, auch mit Blick auf Weihnachten, wenn Carl, der eigentlich am Nikolaustag das Licht der Welt erblicken sollte, endlich nach Hause kommt.Extra

Von einer Frühgeburt spricht man, wenn ein Baby vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche zur Welt kommt. Das betrifft etwa jedes zehnte Kind in Deutschland. Eine normale Schwangerschaft dauert 40 Wochen. Wegen der noch nicht abgeschlossenen Entwicklung drohen vor allem extremen Frühchen gesundheitliche Probleme. Laut einer Erhebung des Aqua-Instituts in Göttingen lagen die Überlebenschancen im Jahr 2014 in Deutschland bei mit 24 vollendeten Schwangerschaftswochen geborenen Kindern bei 76 Prozent. Bei nach der 22. vollendeten Schwangerschaftswoche geborenen Kindern lagen die Überlebenschancen nur noch bei knapp 21 Prozent. Häufigste Spätfolgen sind Entwicklungsverzögerungen, Atemwegserkrankungen, Störungen der Motorik und der Aufmerksamkeit. Darunter leiden Studien zufolge rund ein Drittel dieser Kinder. Da sich das nachteilig auf schulische Leistungen und berufliche Chancen auswirkt, ist eine besondere Förderung notwendig. dpa/red