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Vorwärts in die "neue Zeit"

Da stehen sie nun Seit an Seit und besingen "die neue Zeit": Franz Müntefering und Frank-Walter Steinmeier. Der eine ist wieder Chef der SPD, der andere ihr Kanzlerkandidat. Von unserem Korrespondenten Stefan Vetter

Berlin. Die Abschluss-Szene dieses ansonsten sparsam inszenierten Parteitages soll sich einprägen bei der sozialdemokratischen Basis. Und natürlich auch in der Öffentlichkeit. Zwar gibt es keine "Jetzt geht`s los"-Rufe wie früher, wenn sich die Partei im Aufbruch zu neuen Ufern wähnte. Aber die Zuversicht ist zurückgekehrt. Müntefering und Steinmeier haben der krisengeschüttelten Partei neues Leben eingehaucht. Wie lange das hält, steht auf einem anderen Blatt.

Allein in den letzen drei Jahren bekam es die SPD mit ebenso vielen Vorsitzenden zu tun. Franz Müntefering steht nun zum zweiten Mal an ihrer Spitze. Ein Novum in der jüngeren Parteigeschichte. Der knorrige Sauerländer hatte schon vor geraumer Zeit vor den "Heuschrecken" in der Wirtschaft gewarnt. Angesichts des internationalen Finanzdebakels könnten sich die Sozialdemokraten also keinen besseren Vorturner wünschen.

Dass Müntefering mit 85 Prozent trotzdem ein vergleichsweise bescheidenes Wahlergebnis einfuhr, hat mit seiner treibenden Rolle bei der überraschenden, aber eben auch befreienden Demontage seines Vorgängers Kurt Beck zu tun und mit der Agenda-Politik, die Müntefering zum Ärger vieler Parteigänger konsequent befürwortet. Für Unbehagen sorgte obendrein sein autoritärer Führungsstil als früherer Chef.

So glich die Rede des 68-jährigen dann auch einem politischen Balanceakt: Beck und er hätten oft "quer zueinander gestanden". Aber der Pfälzer bleibe ein "bedeutender Sozialdemokrat".

Das Reizwort "Agenda" nahm Müntefering nicht in den Mund. Aber er mahnte die Partei zu mehr Stolz auf die Regierungszeit unter Gerhard Schröder. "Ich habe ein gutes Gewissen wegen dem, was wir damals getan haben". Sein Basta-Image tauchte Müntefering in ein mildes Licht: Besser "ein ehrlicher Streit um den richtigen Weg", als politische "Beliebigkeit", die er bei der CDU verortete. Aber die Delegierten bekamen auch eine Warnung zu hören: Die SPD müsse eine Partei sein. Er wolle nicht einer "Holding" aus politischen Flügeln vorstehen.

Dann brach Müntefering seinen Auftritt scheinbar wohl kalkuliert ab und verkündete das Wahlergebnis Steinmeiers für die Kanzlerkandidatur. Es fiel um zehn Prozent besser aus als sein eigenes. Auf diese Weise lenkte Müntefering den Beifall ganz auf Steinmeier. Münteferings Kritiker waren sich allerdings sicher, dass der Applaus für dessen Auftritt gemessen an den Ovationen für Steinmeiers Rede kurz zuvor ohnehin verblasst wäre.

Doch ganz gleich, was nun Wahrheit und Dichtung ist - spätestens an dieser Stelle musste auch dem letzten im Saal die Rollenverteilung im neuen Führungsduo klar geworden sein: Steinmeier empfiehlt sich dem Wahlvolk als solider und seriöser Staatspolitiker und Müntefering sorgt dafür, dass die Partei mitmarschiert.

Schröder lässt grüßen



Beide variierten dann auch eine Tonart, die bei der SPD schon lange nicht mehr zu hören war. Die Sozialdemokraten dürften sich nicht nur als "Betriebsrat der Nation" empfinden. Auch Unternehmer seien eingeladen, in der SPD mitzumachen, sagte Steinmeier. "Die Wirtschaft ist für uns Pflicht, nicht Kür." Man dürfe sie nicht jenen überlassen, denen angesichts der Finanzkrise die Wahrheiten abhanden gekommen seien, erklärte er weiter. Bei Müntefering klang das so: "Wir dürfen uns nicht reduzieren auf das Soziale, sondern wir müssen auch die sein, die das Ökonomische gestalten." Gerhard Schröder lässt grüßen.

Das war bei seinem einstigen Kanzleramtschef Steinmeier auch bis in die Wortwahl zu spüren. Mehrfach leitete der neue sozialdemokratische Hoffnungsträger seine Sätze mit "Wir sind es gewesen" ein, was früher auch Schröder immer tat, um rot-grüne Erfolge zu preisen.

Ein kleiner Seitenhieb auf seinen politischen Ziehvater zeugte allerdings von der politischen Emanzipation Steinmeiers: Vor Jahren hatte Schröder alle Lehrer als "faule Säcke" beschimpft. "Ich weiß, dass der Betreffende das schon lange nicht mehr so sieht", lächelte Steinmeier. Dem Vernehmen nach war jedoch selbst diese Redepassage mit Schröder abgestimmt.

Am Ende des Parteitages hätte das schöne Bild der Eintracht und Geschlossenheit fast noch einen Riss bekommen. Viele Delegierte wollten unbedingt über einen Antrag zum endgültigen Stopp der Bahnprivatisierung entscheiden.

Mit knapper Mehrheit wurde die Forderung schließlich abgelehnt. Müntefering und Steinmeier sollten trotzdem gewarnt sein: Auch die "neue Zeit" hat noch ihre innerparteilichen Tücken.