Wählers Wille?

Wahl paradox: Nachdem sich die Menschen in Deutschland nicht entscheiden konnten, welche Regierung das Land denn nun führen soll, scheint nichts mehr ausgeschlossen in Berlin. Das heißt aber nicht, dass deshalb alles möglich ist.

Wahl paradox: Nachdem sich die Menschen in Deutschland nicht entscheiden konnten, welche Regierung das Land denn nun führen soll, scheint nichts mehr ausgeschlossen in Berlin. Das heißt aber nicht, dass deshalb alles möglich ist. Sicher ist am Tag nach der wohl spektakulärsten Bundestagswahl der Geschichte nur eins: Die einen können nicht, wie sie wollen; und die anderen wollen nicht, wie sie könnten. Gleichwohl hat der vorgezogene Urnengang Erkenntnisse gebracht, die beim Koalitionspoker in den kommenden Wochen eine wichtige Rolle spielen werden: Ein schärferer Reformkurs, also der Wechsel von Rot-Grün hin zu Schwarz-Gelb, wird von der Mehrheit der Wähler nicht gewünscht. Das bisherige Bündnis von SPD und Grünen ist aber auch nicht mehr Wählers Wille. Wer das Wahlergebnis analysiert, kann demnach zu dem Schluss kommen, dass die Bürger offenbar einer großen Koalition den Vorzug geben - aber nicht unter Führung der CDU-Vorsitzenden Angela Merkel, sondern unter der Regie von Kanzler Gerhard Schröder.Das Problem: Dieses Modell hat keine Chance, weil die Union natürlich nicht im Traum daran denkt, als größte Fraktion im Bundestag den Anspruch auf die Führung des Landes an die SPD abzutreten. Ungeachtet dessen wollen die Genossen die Gunst der Stunde nutzen und ihren strategischen Vorteil - Schröders Popularität - in die Waagschale werfen. Der Kanzler, der sich als moralischer Wahlsieger feiern lässt, rüstet offensichtlich zu einem gewagten Spiel: Er will ganz unverhohlen pokern und die Herausforderin in die Knie zwingen. Das könnte gelingen, wenn Merkel bis zur Kanzlerwahl keine tragfähige Koalition zu Stande bringen sollte. Dann wiederum würde die Linkspartei das Zünglein an der Waage spielen. Die Linken unter Führung von Oskar Lafontaine und Gregor Gysi hätten es in der Hand, Merkel oder Schröder zur Kanzlermehrheit zu verhelfen. Aber keiner von beiden möchte sich auf die linken Stimmen stützen - wahrlich eine absurde Situation.

Da zum gegenwärtigen Zeitpunkt auch schwer vorstellbar erscheint, dass FDP und Grüne, also Hund und Katze, eine Interessengemeinschaft bilden, um mit SPD ("Ampel") oder Union ("Jamaika") zu koalieren, gerät eine Option in die verworrene Debatte, die bis Sonntagabend noch als groteske Variante galt: abermals Neuwahlen. Das wäre den Leuten im Lande zwar kaum zu vermitteln, doch wenn sich die Parteien alle gegenseitig blockieren, bleibt am Ende womöglich nichts anderes übrig.

Ob Bundespräsident Horst Köhler bei dieser Zumutung an die Bürger mitspielen würde, ist indes ebenso offen wie die Frage, ob Angela Merkel weiterhin die Geschicke der CDU lenken wird. Sie hat am meisten verloren bei einer Wahl, die in die Geschichte eingehen wird als der gründlich misslungene Versuch, die politische Blockade in Deutschland zu lösen.

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