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Wahlkampf in den USA: Politikverdrossenheit bringt Außenseiter-Kandidaten

Wahlkampf in den USA: Politikverdrossenheit bringt Außenseiter-Kandidaten

Was Iowa zeigt, ist die Entfremdung der amerikanischen Wähler von ihrer politischen Klasse. Viele trauen traditionellen Politikern nichts mehr zu.

Sie hadern mit Barack Obama, der natürlich nicht alle Hoffnungen erfüllen kann, mit denen er, einst der große Hoffnungsträger, überladen wurde. Sie verzweifeln an einem Kongress, in dem die Republikaner den Ton angeben und der sich angesichts schluchtentiefer Parteiengräben am Rande der Handlungsunfähigkeit bewegt. Die Volkswirtschaft ist zwar nach Finanzkrise und Rezession wieder gewachsen, die persönlichen Einkommen indes stagnieren, wenn sie real nicht sogar sinken. Die Schuld dafür geben die Wähler der Politik.

Die teils aufgewühlte, teils verbitterte Stimmungslage hat Kandidaten, die noch vor Monaten als krasse Außenseiter galten, in Iowa triumphieren lassen. Bei den Republikanern Ted Cruz, den erst 2012 auf der Tea-Party-Welle gewählten Senator aus Texas, einen erzkonservativen Bibelprediger, dem es gelungen ist, sich als Sprecher der christlichen Rechten zu profilieren. Bei den Demokraten Bernie Sanders, den linken Senatsveteranen aus Vermont.

Der ging zwar gleichauf mit Hillary Clinton durchs Ziel, psychologisch aber ist er der Sieger, weil ihm noch vor Kurzem niemand ein solches Kopf-an-Kopf-Rennen zugetraut hatte. Was sich bei den Demokraten abzeichnet, ist ein echter Wettstreit der Ideen, womöglich einer, der sich über Monate hinziehen wird - Sanders‘ europäisch-sozialdemokratisches Programm gegen Clintons Pragmatismus der amerikanischen Mitte. Den Durchmarsch zur Nominierung, den manche der früheren Außenministerin prophezeit hatten, wird es nicht geben. Vielleicht wird es sogar ein Marathon wie vor sieben Jahren, als sich Obama und Clinton über Monate ein erbittertes Duell lieferten, bis im Juni das Zielband erreicht war. Und da der Außenseiter der Seele der Parteibasis mit ihrem Frust angesichts wachsender sozialer Ungleichheit näher ist als die Gesetzte, dürfte auch sie in den nächsten Wochen noch weiter nach links rücken. Das wiederum liefert den Republikanern Munition fürs Wahlfinale, wenn sich alles um die Wechselwähler der politischen Mitte dreht.

Durch beide Parteien, das hat Iowa nachdrücklich bestätigt, verläuft ein Riss von Grand-Canyon-Dimensionen. In beiden proben hochmotivierte Rebellen den Aufstand gegen das Establishment. Bei den Demokraten symbolisiert es der Höhenflug Sanders‘, der noch zu Zeiten des Präsidenten Bill Clinton als irgendwie schräger Vogel galt, exzentrisch und nicht wirklich ernst zu nehmen. Bei den Republikanern läuft es wohl auf eine Machtprobe zwischen drei Fraktionen heraus: zwischen der religiösen Rechten, vertreten durch Cruz, konservativ gesinnten, durchweg weißen Malochern, die in dem Milliardär Trump ihren Sprecher gefunden haben, und jener Verbindung aus Wall-Street-nahen Wirtschaftsflügel und traditioneller Partei-Elite, wie Rubio sie inzwischen am chancenreichsten symbolisiert.

Marco Rubio, der bühnenstarke Senkrechtstarter mit kubanischen Wurzeln, hat die übrigen moderateren Bewerber (Jeb Bush, John Kasich, Chris Christie) überraschend deutlich abgehängt. Nur profitiert eben auch er vom Zorn auf das Establishment: Zum einen versteht er es, sich als frisches Gesicht zu verkaufen, zum anderen war es die Tea Party, die ihm 2010, als er die gesamtnationale Bühne betrat, beim Senatsvotum in Florida zu einem Sensationssieg verhalf.

Und Donald Trump? Die Trump-Blase, scheint es, ist gerade am Platzen. Ein selbstverliebter Tycoon, der (nicht existierende) Programme durch den Spruch ersetzt, dass Amerika unter seiner Regie wieder gewinnen werde, schon weil er immer gewonnen habe, hat zum Auftakt der Vorwahlen verloren. Damit ist der Lack ab, der Prahlhans zurückgeholt auf den Boden der Realität. Natürlich wäre es Unsinn, ihn bereits abzuschreiben. In der Geschichte amerikanischer Wahlkämpfe hat sich Iowa schon des Öfteren als Sonderfall erwiesen. Nur: Zieht der Unternehmer auch in New Hampshire den Kürzeren, gegen wen auch immer, ist es vielleicht wirklich der Anfang vom Ende der Donald-Trump-Show.