Warnung vor dem Baby-Fernsehen

Warnung vor dem Baby-Fernsehen

MAINZ. "Zu dick, zu faul": So lautet seit Jahren meist die allgemeine Umschreibung der Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Anspielung auf Übergewicht und Bewegungsmangel. Kinderärzte sehen bei der Krankheitsvorbeugung die Gesellschaft gefordert. Ihnen graust vor Plänen einiger Sender, immer jüngere Zuschauer vor den Bildschirm zu locken.

Gesundheitsvorsorge muss nach Überzeugung von Kinderärzten viel früher und entschiedener ansetzen. Bei einem Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin in Mainz wurde der Ruf nach einer Kindergartenpflicht ebenso laut wie die Forderung nach einem Präventionsgesetz, das klare Zielvorgaben in der Gesundheitsvorsorge macht. Osteoporose im Alter sei Ergebnis des Bewegungsmangels von Kindertagen an, so der Leiter der Universitätskinderklinik Frankfurt, Professor Hansjosef Böhles. Von den vielen, oft fatalen Krankheitsfolgen falscher Ernährung ganz zu schweigen. Für ihn reicht es nicht, Krankheiten früh zu erkennen. Sie müssten noch früher verhindert werden, denn Weichen für Bluthochdruck oder Zuckerkrankheit werden oftmals schon in Kindertagen gestellt. Ein wichtiger Schritt wäre aus seiner Sicht, die prägende Rolle des Kindergartens zu nutzen und den Besuch zur Pflicht zu machen. Bei Ernährung, Bewegung und Sozialverhalten macht er riesige Probleme aus, denen im Kindergarten entgegengesteuert werden kann. Statt auf Süßes und so genannte schnelle Kohlenhydrate (Nudeln) oder gezuckertes Müsli sollten Kinder auf Gemüse trainiert werden, mahnt Böhles. Er vermisst allerdings die guten Vorbilder im Elternhaus. Wichtige Einflüsse auf die Gesundheit der Kinder beginnen nach Erkenntnissen der Mediziner jedoch viel früher. Bereits die vorgeburtliche Ernährung und die ersten Lebensmonate seien für Stoffwechsel und Allergieentwicklung prägend, so Professor Fred Zepp (Uniklinik Mainz). Für die Kinderärzte ist Rauchen in der Schwangerschaft gar "tolerierte Kindesmisshandlung". Auf strikten Widerstand stoßen bei ihnen auch Überlegungen zur Einführung von Baby-Fernsehen. Es dürfe nicht sein, dass Kinder so früh auf ein Medium fixiert werden und dabei der natürliche Bewegungsdrang verloren geht. Beklagt wird von den Medizinern nicht nur, dass der Kinderheilkunde vor allem im Bereich der Vorsorge zu wenig Beachtung geschenkt wird. Auch die aus ihrer Sicht völlig unzureichenden Mittel für Prävention und das Scheitern eines Präventionsgesetzes im vergangenen Jahr wird kritisiert. Laut Zepp werden bislang ein Prozent des Gesamtausgaben von 240 Milliarden Euro im Gesundheitswesen für Vorbeugung ausgegeben. Dagegen werden 70 Prozent für den Kampf gegen Krankheiten in den letzten Lebensjahren aufgewendet. Viel Geld könnte dabei nach Überzeugung der Kinderärzte durch frühzeitige Gesundheitsvorsorge und -erziehung gespart werden. Gesundes Leben kann man lernen, heißt ihre Botschaft, die bislang nur allzu oft ungehört verhallt.