Warum nackte Statuen nackt bleiben müssen

Warum nackte Statuen nackt bleiben müssen

Die Verehrung von Mohammed genieße in unserer Gesellschaft nicht mehr Ansehen als die Verehrung von Eintracht Trier. Das müsse man möglichen Einwanderern deutlich machen, sagt Michael Schmidt-Salomon. In seinem neuen Buch "Die Grenzen der Toleranz" kritisiert der Philosoph, wie die Linken mit dem Islam umgehen und wie die Rechten die Gesellschaft spalten. Angesichts der von Empörung geprägten Streitkultur plädiert er dafür, auch Demagogen recht zu geben, wenn sie recht haben.

Trier. Der Terrorismus ist mit voller Wucht in Deutschland angekommen, der Rechtspopulismus blüht, die Islamdebatte erhitzt die Gemüter, im Netz prügeln "Gutmenschen" und "Rassisten" verbal aufeinander ein, es wird polarisiert statt diskutiert, von rationalen Argumenten fehlt oft jede Spur. Einen besseren Zeitpunkt hätte der Trierer Philosoph Michael Schmidt-Salomon kaum finden können, um sein Buch "Die Grenzen der Toleranz - warum wir die offene Gesellschaft verteidigen müssen" zu veröffentlichen. Anstoß zu dem Buch, das innerhalb weniger Wochen zum Spiegel-Bestseller avancierte, gab ihm im Januar 2016 eine kleine Nachricht: Als der iranische Präsident Rom besuchte, ließen die italienischen Behörden im Kapitol aus Rücksicht vor den religiösen Gefühlen ihres Gastes nackte Statuen verhüllen. "Genau das darf nicht passieren. Wir müssen für unsere Werte eintreten", sagt Schmidt-Salomon. Unsere Redakteurin Katharina de Mos hat mit dem Humanisten über die Werte der offenen Gesellschaft gesprochen, über die Grenzen der Toleranz, über "Empörialismus" und schädliches Lagerdenken. Über ein Buch, das mit folgenden Worten einsteigt: "Demagogen feiern mit halben Wahrheiten ganze Erfolge. Um sie zu stoppen, muss man ihnen recht geben, wo sie recht haben, und sie dort kritisieren, wo sie die Wirklichkeit verzerren."Herr Schmidt-Salomon, was ist eine offene Gesellschaft und warum lohnt es sich, dafür zu kämpfen?Michael Schmidt-Salomon: Die Grundprinzipien der offenen Gesellschaft sind Freiheit, Gleichheit, Individualität und Säkularität, also die Trennung von Staat und Religion. Die offene Gesellschaft ist das bisher beste Modell, das Menschen entwickelt haben, um ihr Zusammenleben zu organisieren. Geschlossene Gesellschaften hingegen schränken nicht nur die Freiheit der Individuen ein, sondern hemmen auch ihre Kreativität, da sie jede noch so kleine Abweichung von der Norm bestrafen. Aus diesem Grund sind geschlossene Gesellschaften wirtschaftlich nicht erfolgreich - es sei denn, sie haben, wie Saudi-Arabien, Rohstoffe, die sie verkaufen können. Leben wir in Deutschland in einer offenen Gesellschaft?Schmidt-Salomon: Verglichen mit Saudi-Arabien selbstverständlich! Dennoch gibt es hierzulande Defizite. Denken wir nur an die zunehmende ökonomische Ungleichheit. Sie ist einer der Gründe, warum der Rechtspopulismus boomt. Wenn die soziale Ungleichheit so stark ist, dass Menschen sich nicht mehr als Individuen wahrgenommen fühlen, neigen sie dazu, sich verstärkt als Gruppenmitglieder zu sehen, was zu einer schärferen Abgrenzung von "den anderen" führt.Ist Rechtspopulismus eine Gefahr?Schmidt-Salomon: Ja. Die rechtspopulistischen Kräfte treten zwar auf, als seien sie die Verteidiger des kleinen Mannes gegenüber dem Establishment. In Wirklichkeit jedoch wollen sie einen Großteil der sinnvollen Transfermaßnahmen des Staates aufheben, was die soziale Ungleichheit verstärken wird. Das gilt für Trump genauso wie für die AfD, die FPÖ oder den Front National. Ist unsere Gesellschaft stark genug, dem Terrorismus zu begegnen?Schmidt-Salomon: Sie sollte stark genug sein. Allerdings können wir den Terroristen nur widerstehen, wenn wir in der Lage sind, die Verhältnisse rational zu beurteilen. So sterben sehr viel mehr Menschen im Straßenverkehr als durch Anschläge. Die Strategie der Terroristen lautet: Töte zwölf Menschen auf einem Weihnachtsmarkt und erschrecke 80 Millionen. Dabei hoffen die Islamisten auf tatkräftige Unterstützung durch Rechtspopulisten. Ihre Terror-Strategie sieht nämlich vor, dass Rechtspopulisten eine möglichst antimuslimische Politik betreiben und Muslime so motivieren, sich dem Dschihad anzuschließen. Sie raten zur "Abschreckung durch Freiheit". Was ist das?Schmidt-Salomon: Wir haben in den letzten Monaten erlebt, wie Europa mit Stacheldrahtzäunen und Tränengas versucht hat, Menschen davon abzuhalten, einzuwandern. Das entsprach sehr viel eher dem Charakter einer geschlossenen Gesellschaft. Eine offene Gesellschaft sollte ihre eigenen Prinzipien nicht verraten. Allerdings sollten wir potenziellen Einwanderern klarmachen, dass Männer und Frauen gleichberechtigt sind, dass Religionen nicht über dem Gesetz stehen und die Verehrung von Mohammed oder Jesus kein höheres zivilgesellschaftliches Ansehen genießt als die Verehrung von Eintracht Trier oder Dolly Buster. All dies haben wir in den letzten Jahrzehnten nicht in der erforderlichen Klarheit herausgestellt.Wann ist Toleranz unangebracht?Schmidt-Salomon: Toleranz geht zu weit, wenn etwas geduldet wird, das nicht geduldet werden darf, weil es die Rechte Dritter verletzt. Selbstverständlich hätte man nicht dulden dürfen, dass Anis Amri sich mit verschiedenen Identitäten in Deutschland rumtreibt. Und natürlich ist es auch nicht zu tolerieren, wenn Imame zu Gewalt aufrufen, da dies dem Tatbestand der Volksverhetzung entspricht. Was wir nicht tolerieren dürfen, müssen wir unterbinden. Hier muss der Rechtsstaat Stärke zeigen. In einigen Fällen, sagen Sie, ist Toleranz aber nicht genug …Schmidt-Salomon: Richtig. Manchmal ist Akzeptanz gefordert, nicht bloß Toleranz. Wenn ich sage, "ich toleriere dich", dann heißt das: "Du bist für mich eine Last, die ich gerade so ertragen kann". Schon Goethe hat darauf hingewiesen, dass Tolerieren eigentlich Beleidigen bedeutet.Hätten Sie ein Beispiel?Schmidt-Salomon: Schwule bloß zu tolerieren, hieße, sie nicht als gleichwertig zu erachten. In einer offenen Gesellschaft sollten Bürger akzeptieren, dass alle Menschen gleichberechtigt sind - egal, ob sie hetero- oder homosexuell veranlagt sind. Das ist eine Haltung, die wir stärken sollten, da sie dem Prinzip der Gleichheit entspricht. Wir können homophobe Ressentiments natürlich nicht per Gesetz verbieten, jedoch sollten wir daran arbeiten, sie zu schwächen - etwa durch eine verbesserte Bildung und eine funktionierende Streitkultur. Um die Streitkultur steht es derzeit schlecht: Es wird polarisiert statt diskutiert. Sie bezeichnen das als "Empörialismus" und fordern, auch denen, die man nicht mag, recht zu geben, wo sie recht haben. Geben Sie auch der AfD recht?Schmidt-Salomon: Selbstverständlich. Eine Wahrheit wird nicht zur Lüge, bloß weil sie von Leuten geäußert wird, die mir nicht passen. Außerdem: Wenn ich etwas derart Offensichtliches leugne wie den Zusammenhang von Islam und Islamismus, treibe ich die Wähler in die Arme solcher Leute, die ihre antiaufklärerischen Ziele unter dem Mantel einer angeblich "aufgeklärten Islamkritik" wunderbar verbergen können. Man hätte dieses Thema niemals den Rechten überlassen dürfen. Das war ein schwerwiegender Fehler der linksliberalen Kräfte in Deutschland. Sie sagen, Empörialisten hätten den öffentlichen Raum mit "moralischen Killerphrasen" besetzt. Was meinen Sie damit?Schmidt-Salomon: Schauen Sie auf Facebook! Wer dort auf die Gefahr des islamischen Faschismus hinweist, wird als "Rassist" beschimpft. Wer aufzeigt, dass längst nicht alle Muslime vom Dschihad träumen, wird als "unverbesserlicher Gutmensch" vorgeführt. So kann eine Streitkultur nicht funktionieren. Wie könnte man die Debattenkultur verbessern?Schmidt-Salomon: Wir müssen mehr Energie in die Bildungssysteme stecken. Offenkundig vermitteln unsere Schulen nicht das Rüstzeug, um zwischen rationalen und irrationalen Argumenten unterscheiden zu können. Zudem fehlt vielen das Wissen, um Aussagen korrekt einzuordnen. So halten viele Muslime Schwulenfeindlichkeit für eine Konsequenz ihres Glaubens, weil sie niemals erfahren haben, dass gerade der islamisch-arabische Kulturraum eine große Fülle an homoerotischer Literatur hervorgebracht hat. Was ist denn der richtige Umgang mit dem Islam?Schmidt-Salomon: Eine generelle Abwertung von Muslimen wäre nicht nur diskriminierend, sondern unsinnig, da viele Muslime ihren Glauben ebenso gut mit unserer Verfassung zusammenbringen können wie Christen. Jedoch ist die Kritik an patriarchalen, autoritären, antisemitischen, menschenverachtenden Normen, die von traditionellen Lesarten des Islam gestützt werden, weiterhin notwendig. Linken Multikulturalisten muss man in diesem Zusammenhang klarmachen, dass es kein bisschen progressiv ist, reaktionäre Normen zu verteidigen, bloß weil sie in einer Minderheit beheimatet sind. Sollten wir uns deutlicher gegen Islamisten zu Wehr setzen?Unbedingt! Der islamische Faschismus ist eine ernstzunehmende Bedrohung, vor der wir nicht die Augen schließen dürfen. Allerdings dürfen wir nicht übersehen, dass es auch einen islamischen Humanismus gibt. Daher kann es gar nicht darum gehen, einen Kampf gegen "die Muslime" zu führen. Wir sollten uns vielmehr auf die Seite jener Muslime stellen, die ihren Glauben mit den Prinzipien der offenen Gesellschaft vereinbaren können und gerade deshalb ins Visier der Islamisten geraten.Sollten wir die Vollverschleierung tolerieren?Schmidt-Salomon: Ein Rechtsstaat darf islamische Formen der Vermummung nicht anders behandeln als nichtislamische. Wenn es nicht erlaubt ist, mit einer Clownsmaske in eine Bank zu gehen, dann darf es mit einer Burka auch nicht erlaubt sein. Aber wir sollten das reaktionäre Frauenbild, das hinter der Burka steht, nicht vornehmlich mit Verboten bekämpfen, sondern mit den Mitteln der Zivilgesellschaft. Unser Problem ist ja nicht, dass wir nicht genügend Gesetze haben, sondern vielmehr, dass wir diese nicht konsequent anwenden oder falsche Prioritäten in der Strafverfolgung setzen. So ist es absurd, dass unser Staat mit riesigem Aufwand harmlose Haschischraucher kriminalisiert, aber islamistische Gewaltaufrufe nicht rigoros verfolgt. Wer solche Prioritäten setzt, hat den Bezug zur Wirklichkeit verloren. MosEin Video dazu finden Sie auf:volksfreund.de/extraExtra

Michael Schmidt-Salomon (1967 in Trier geboren) ist Philosoph, Schriftsteller und Kinderbuchautor sowie Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung, die sich für Humanismus und Aufklärung einsetzt und der viele renommierte Wissenschaftler und Künstler angehören. In der Region Trier ist der promovierte Pädagoge, der jahrelang als Dozent an der Uni Trier arbeitete, insbesondere als Kirchenkritiker bekannt. Er selbst sieht sich aber vor allem als Humanist. Zu seinen bekanntesten Werken zählen "Keine Macht den Doofen", "Manifest des evolutionären Humanismus", "Jenseits von Gut und Böse" und "Hoffnung Mensch". Mos TV-Foto: Katharina de Mos

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