Was wäre gewesen, wenn … ?

Wenn es um das schwierige Thema Schwangerschaftsabbruch geht, genießt Pro Familia besonders großes Vertrauen. Die Entscheidung für oder gegen ein Kind müssen die Frauen am Ende selbst treffen. Häufig endet die psychische Belastung damit nicht.

Trier. Helene merkte Anfang des Jahres, dass mit ihrem Körper etwas nicht stimmte. "Ich war im Prüfungsstress und wartete auf meine Periode", berichtet die 21-jährige Studentin in einem Internetforum, in dem sich Frauen nach Schwangerschaftsabbrüchen mitteilen und austauschen. Als die Schwangerschaft klar war, die körperlichen Nebenwirkungen stärker wurden und sie das Gefühl hatte, dass sich ihr Freund zunehmend distanziert, entschied sich die junge Frau für einen Abbruch. "Ich habe es unter Vollnarkose machen lassen und danach ging es mir (körperlich) fast schlagartig besser", berichtet sie. "Was wäre, wenn…?" Diese Gedanken gehen ihr nun durch den Kopf, ähnlich wie vielen anderen Frauen, die ihre Geschichte im Schutz der Anonymität erzählen. Neben dem Bedauern ist meist davon zu lesen, dass mit Blick auf Gesundheit, Beziehung und die eigene Zukunft keine andere Wahl getroffen werden konnte.
"Oft gibt es für die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch mehrere Gründe", sagt Claudia Heltemes von der Beratungsstelle Pro Familia in Trier.
335 Konfliktberatungen wurden dort im vergangenen Jahr notiert. Das waren einige mehr als 2014, aber weniger als 2013. Die Zahlen in den vergangenen fünf Jahren seien einigermaßen konstant. Im Widerspruch zu der statistischen Steigerung der Abtreibungen landesweit um vier Prozent steht das dennoch nicht. "Wir wissen schließlich nicht genau, wie viele Frauen sich letztlich für die Fortsetzung oder den Abbruch einer Schwangerschaft entschieden haben."
Auch Regina Bergmann, Geschäftsführerin beim Sozialdienst katholischer Frauen (SkF), Trier, kann die Frage nach der Ursache für die Steigerung nicht beantworten. "Fast alle Frauen, die zu uns kommen, suchen aktiv nach einer Perspektive für sich und das Kind. Sie erwarten sich durch die Beratung die entsprechende Unterstützung." 1259 Klientinnen werden in jedem Jahr bei der SkF-Beratungsstelle betreut. Nur neun von ihnen haben sich mit der Frage eines Schwangerschaftsabbruchs auseinandergesetzt.
Laut Bergmann sind es finanzielle Probleme, Sozialleistungsansprüche, Sorgen wegen der Kinderbetreuung und auch Wohnungsprobleme, weshalb Schwangere in die SkF-Beratungsstelle kommen.
Ähnliche Sorgen hatten auch die 364 Frauen und 101 Männer, die zu den 335 Beratungen bei Pro Familia kamen, in denen die Frage eines Abbruchs akut war.
Claudia Heltemes: "Im Vordergrund der Gründe für die Erwägung eines Abbruchs standen psychische Probleme, wirtschaftliche Gründe und Partnerschaftsprobleme. Aber auch die Aspekte ungesicherte Versorgung des Kindes, Probleme mit Ausbildung oder Beruf, physische Überforderung und Wohnungsprobleme wurden häufiger genannt." In 38 Fällen sei die Familienplanung zum Zeitpunkt der Schwangerschaft bereits abgeschlossen gewesen. Nur jede fünfte der beratenen Frauen hätte sich in einer Vollzeitbeschäftigung befunden. Generell spiele die Unsicherheit mit Blick auf einen festen Arbeitsplatz eine zunehmende Rolle bei der Entscheidung über die Fortsetzung einer ungeplanten Schwangerschaft. "Viele Arbeitsstellen sind heute befristet, andere erfordern eine hohes Maß an Bereitschaft zur Mobilität. Beides erschwert den Frauen oder Paaren die Entscheidung für ein Kind."
Als besonderes Problem für Frauen, die sich für einen Abbruch entscheiden, sieht die nichtkonfessionelle Beratungsstelle die fehlende Möglichkeiten dazu im Raum Trier. "Durch die langen Anfahrtszeiten zum Schwangerschaftsabbruch ergeben sich zusätzlich Belastungen, vor allem, wenn die Frauen aufgrund eines Migrationshintergrundes sprachliche Probleme haben oder wenn die Betreuung kleiner Kinder organisiert werden muss."
Extra

Nahezu alle Frauen halten sich nach offiziellen Erkenntnissen an die gesetzlichen Regelungen für einen Schwangerschaftsabbruch. Demnach sind 97 Prozent der gemeldeten und statistisch erfassten Abtreibungen nach der Beratungsregelung vorgenommen. Diese ermöglicht auf eigenen Wunsch hin innerhalb von zwölf Wochen nach der Empfängnis eine Beendigung der Schwangerschaft, sofern sie nachweisen können, dass sie an einer Schwangerschaftskonfliktberatung teilgenommen haben. Medizinische und kriminologische Gründe (zum Beispiel nach einer Vergewaltigung) waren in drei Prozent der Fälle entscheidend für den Abbruch. 62 Prozent der Frauen, die sich für einen Abbruch entschieden haben, waren bereits Mütter von mindestens einem Kind. r.n. Quelle: Statistisches Landesamt