Wechselbad der Gefühle

Rund 150 Genossen der Linkspartei haben sich im Berliner Karl-Liebknecht-Haus zur Wahlparty eingefunden. Und sie erleben schon gleich zu Beginn ein Wechselbad der Gefühle.

Berlin. (vet) Lange Gesichter, als die erste Prognose zum Wahlausgang in Hessen über den Bildschirm flimmert. Beifall und Jubel, als kurz darauf die Zahlen von Niedersachsen eingeblendet werden: Über sechs Prozent für die Linke in einem platten Land, dessen Wählerschaft eher schwarz und konservativ gestrickt ist - das kommt für viele überraschend. Den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde hatte man eher in Hessen erwartet. Gemeinsam mit Petra Pau, der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden im Bundestag, steht Katja Kipping vor einem Wald von Mikrofonen und muss unentwegt Reporterfragen beantworten. Das Gedränge ist große, und die Räume in der Berliner Parteizentrale sind an diesem Sonntagabend viel zu klein. "Mit gutem Gewissen können wir jetzt eine Flasche Sekt öffnen", ruft Kipping. Doch darauf ist die Versorgung gar nicht eingestellt. Es gibt Bier für 1,20 Euro die Flasche und Weißwein, das Glas für zwei Euro. Beglückender noch als der eigene Erfolg scheint für die meisten der regelrechte Absturz des hessischen Regierungschefs Roland Koch zu sein. Jede Zahlenreihe, die vom kräftigen Verlust seiner CDU kündet, wird heftig beklatscht. "Kochs ausländerfeindliche Kampagne hat nicht gezogen", triumphiert Petra Pau. Dann sieht es wieder so aus, als könnte Koch womöglich doch im Verbund mit der FDP weiterregieren. Und Pau findet das schon "ärgerlich", sollte ausgerechnet ihre Partei daran schuld sein, weil sie den Einzug ins hessische Parlament zu verpassen droht. Aber dass man in Niedersachsen sicher drin sei und in Hessen noch die Chance dafür habe, sei wirklich "großartig". Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch sieht das ganz genauso. "Der heutige Tag ist für uns der Durchbruch im Westen", ruft er in den kleinen Saal, in dem sonst die Parteispitze ihre wöchentlichen Sitzungen abhält. Wer zum ersten Mal ins Parlament eines westdeutschen Flächen landes einziehe, der könne das auch in jedem anderen Bundesland schaffen - "von Schleswig-Holstein bis Bayern". Damit hätten sich die politischen Koordinaten der Bundesrepublik verändert. Trotzdem ist auch Bartsch eine gewisse Enttäuschung anzumerken, dass es in Hessen womöglich nicht reicht. Doch als er entschwunden ist und die Kameraleute langsam einpacken, kommt noch einmal Bewegung in die Menge. Kurz nach 19 Uhr sieht das ZDF die Linken in Hessen bei fünf Prozent. Mancher schaut, als könne er es gar nicht glauben. Darauf haben sie gehofft. Der Wahlabend im Karl-Liebknecht-Haus bleibt ein Wechselbad der Gefühle.

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