Weg ins "Neuland"

LEIPZIG. Begeistert feiert die CDU in Leipzig ihre Partei, ihr Vorhaben und vor allem ihre Vorsitzende Angela Merkel. Eine radikale Neuausrichtung der Sozial- und Steuerpolitik fordert sie und erntet dabei Applaus in Stoiber'schem Ausmaß.

Angela Merkel tänzelt ein wenig verlegen von einem Bein aufs andere, während sie den Delegierten zuwinkt. Über 90 Minuten hat die CDU-Vorsitzende gerade in der Leipziger Messe zu ihren Christdemokraten gesprochen, 90 lange und schwierige Minuten waren das für die Ostdeutsche. Hinter ihr steht in großen Buchstaben das Parteitagsmotto: "Deutschland kann mehr" - und irgendwie hat man das Gefühl, auch Merkel will unter Beweis stellen, dass sie mehr kann. Vor allem auch mehr will. Tief atmet die CDU-Chefin also oben auf dem Podium durch, direkt nach dem letzten Wort ihrer Rede waren die 1001 Delegierten wie ein Mann aufgesprungen, und inzwischen applaudieren sie bereits fünf Minuten. Ein Huldigung von Stoiber'schem Ausmaße widerfährt ihr, weswegen Merkel zwischendurch tatsächlich wie das schüchterne "Mädchen" wirkt, als das sie einst Helmut Kohl bezeichnete. Und in der Tat, es hat den Anschein, dass die Vorsitzende ihre Partei dorthin mitgenommen hat, wo sie sie unbedingt hin haben will - ins sozialpolitische "Neuland", wie Merkel es nennt. Einfach war das nicht.Inhaltlich fehlt noch Wiedererkennungswert

"Ich weiß, dass ich der CDU damit einiges zugemutet habe", sagt sie mit Blick auf die Reformvorhaben selbstkritisch. Aber sie wolle nicht den selben Fehler wie "Herr Schröder" machen. "Wir verschlafen unsere Oppositionszeit nicht." So etwas hören die Christdemokraten gerne, Elan und Aufbruch erwarten sie von ihrer Chefin. An einer radikalen Neuausrichtung in der Sozial- und Steuerpolitik komme die Union und damit auch die Republik nicht vorbei, macht Merkel klar. Und weil die Zeit für Rot-Grün ablaufe, müsse die CDU vorbereitet sein. Für Merkel selbst gilt dies aber ebenso, sie wirkt wie für 2006 vorbereitet, so stark setzt die Frontfrau auf die eigene, programmatische Profilierung. Versöhnlich ist dabei der Ton ihrer Rede, "fast mütterlich", sagt ein Delegierter. Die Vorsitzende weiß nur zu gut, dass sie ihren Weg nicht einfach nur frontal verordnen kann. Konrad Adenauer, sagt sie gleich zu Anfang (Applaus ist ihr bei dem Namen sicher), sei am Freitag im ZDF zu "unserem Besten" gewählt worden. Die Wahl sei eine gute Chance für den Parteitag, es ihm gleich zu tun, fordert die Vorsitzende. In den Umfragen führen CDU und CSU zwar schon seit geraumer Zeit, inhaltlich fehlt aber vielfach noch der Wiedererkennungswert.Am Fall Hohmann kaum Interesse

Mit dem Parteitag soll sich das nach dem Willen der Unionsspitze ändern, denn "entweder Deutschland wird vom Wandel überrollt, oder wir schaffen es, den Wandel zu gestalten", begründet Merkel. Nur wenige Sätze widmet die Parteichefin dem Krach mit der CSU um die Sozialreformen, dazu wird vermutlich der Bayer Edmund Stoiber heute bei seinem Grußwort mehr sagen. "Mir san mir", sage man in Bayern, "wat mut, dat mut" im Norden, so Merkel. Man brauche sich eben gegenseitig, um Erfolg zu haben, mahnt sie; tief stapeln und nicht zu hoch hängen, lautet allerdings ihr Motto in dieser Frage. Das gilt auch für ein anderes Thema - der Patriotismus und der Rauswurf des Abgeordneten Martin Hohmann aus der Bundestagsfraktion wegen einer als antisemitisch bezeichneten Rede. Viel Applaus erhält Merkel, als sie von notwendigen Konsequenzen, "so schmerzlich sie menschlich auch sind", spricht. Hohmann habe eben Zweifel nicht ausgeräumt, dass er "für uns geltende Werte" nicht in Frage stelle. Es ist der Delegierte Leo Lennartz aus Nordrhein-Westfalen, der die Debatte um Hohmann dann doch noch einmal zuspitzt. "Die Gedanken sind frei" sagt er, Meinung sei im Falle des hessischen Abgeordneten verfolgt worden. Lennartz' Problem: Der Saal ist fast leer, die Delegierten ziehen das Mittagessen einer Debatte um die Affäre und den Patriotismus vor. Wer noch im Saal ist, hört ihm überdies nicht zu, einige rufen sogar "aufhören". Am Ende erhält er keinen Applaus. Anders als der NRW-Landeschef Jürgen Rüttgers, der seinen Parteifreund mit harschen Worten zurechtstutzt. Aber für Merkel gilt: Auch das hat sie gestern wohl gemeistert.