1. Nachrichten
  2. Themen des Tages

Weg mit Pferdeschwanz und zu viel Schmuck

Weg mit Pferdeschwanz und zu viel Schmuck

Berlin. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) sorgt wieder für Aufregung. Ab dem 1. Februar will der Minister die rund 30 000 Bundespolizisten an Grenzen, Flughäfen und Bahnhöfen nur noch besonders adrett auftreten lassen.

Im Innenministerium gab es gestern erheblichen Beratungsbedarf. Gesprochen wurde allerdings mit den Vertretern der einzelnen Bundespolizeipräsidien weniger über die innere Sicherheit oder die Terrorabwehr als über Bartlängen, Tätowierungen, Make up, Schmuck und Pferdeschwänze. Es ist schließlich Fußball-Weltmeisterschaftsjahr, viele ausländische Gäste kommen nach Deutschland, und die Beamten "der Bundespolizei stehen als Repräsentanten des Staates besonders im Blickpunkt der Öffentlichkeit". Deswegen hat das Ministerium einen fünfseitigen, detaillierten Erlass zur Regelung des "äußeren Erscheinungsbildes" erarbeitet. Noch ist die Verfügung in der internen, vertraulichen Abstimmung, "einzelne Inhalte" will man daher nicht kommentieren. Kein Wunder, die Vorschriften sind nicht ohne, wie aus dem Papier hervorgeht: Deutlich über den "oberen Hemdkragen reichende Haarlänge" Marke "Lagerfeld-Zopf" widerspreche bei männlichen Beamten einem "gepflegten Erscheinungsbild", ist zu lesen. "Bärte sind in angemessener Länge zu tragen und gepflegt zu halten" - ein Drei-Tage-Bart gilt als unerwünscht. Tätowierungen, heißt es in der Richtlinie weiter, dürften im Dienst nicht sichtbar sein. Bei Schmuck müssen die Beamten extrem sorgfältig vorgehen: Ketten oder Ringe dürften nicht die Eigen- und Fremdverletzungsgefahr erhöhen und "zu einer Ansehensminderung der Bundespolizei führen". Beamtinnen sind daher vorsorglich nur Ohrstecker nicht größer als fünf Millimeter und maximal zehn Millimeter große Ohrringe erlaubt. Freundschafts- oder Modebänder, mehrere Fingerringe "sind zur Dienstkleidung nicht zugelassen". Dessen noch nicht genug: Sichtbare Piercings, "auch Mundpiercings, sind in keinem Fall erlaubt". Und das Make up müsse "sozialadäquat" ausfallen. "Wir brauchen keine Richtlinie, um Menschen zu normieren", schimpft inzwischen die Polizeigewerkschaft. Vorbild der Schäuble-Vorschriften ist augenscheinlich ein fast wortgenauer Erlass aus Bayern. Seit 2000 ist im Freistaat das Erscheinungsbild der Beamten glasklar geregelt. Neu sind solche Verfügungen nicht, auch in den anderen Bundesländern gibt es zahlreiche Regeln für die Barttracht oder den Modeschmuck im Einsatz. Selbst Gerichte wurden schon bemüht, um für Klarheit zu sorgen, wenn Beamte sich gegen Haarerlasse ihrer Dienstherren wehrten. Wohin sollen die Mundwinkel streben?

"Ich habe Verständnis. Es geht nicht nur um ein gepflegtes Aussehen", bekommt Schäuble von seinem Parteifreund, dem CDU-Innenexperten Wolfgang Bosbach, Rückendeckung. Der Erlass "dient auch der Vermeidung von Gefahren". "Es ist alles geregelt", hält hingegen Knut Paul, Vorsitzender der Bundespolizeigewerkschaft, dagegen. Für ihn ist der Schäuble-Erlass überflüssig. Der Minister stelle die Beamten vielmehr unter den "Generalverdacht der Schlampigkeit", so Paul gegenüber unserer Zeitung. Andere wiederum spotten nur über Schäubles "mutige Verfügung" zur Kriminalitätsbekämpfung. Offen bleibe, witzelt die Innenexpertin der Linken, Petra Pau, "in welche Richtung Polizei-Kurzhaarfrisuren zu scheiteln sind, und ob die Mundwinkel nach unten oder oben streben sollen".