Weit unter den Grenzwerten

"Pestizide im Wein" - diese Schlagzeile sorgt in der deutschen Weinwirtschaft für Aufregung. Dabei liegen die gemessenen Pflanzenschutzmittel-Mengen deutlich unter den gesetzlich vorgeschriebenen Höchstwerten.

Trier/Brüssel. Der Deutsche Weinbaupräsident Norbert Weber bleibt bewusst gelassen. "Ich verstehe die ganze Aufregung nicht. Was zurzeit durch die Presse geht, ist doch eine No-Meldung." Die Aufregung verursacht hat die Grünen-Europa-Abgeordnete Hiltrud Breyer, die gestern das Ergebnis einer Studie des Pestizid-Aktions-Netzwerkes (Pan) verbreitete, wonach in 40 untersuchten europäischen Weinen Spuren von 24 verschiedenen Pflanzenschutzmitteln gefunden wurden. "Der Pestizid-Cocktail im europäischen Wein ist alarmierend", schreibt die Grünen-Abgeordnete. Dabei verschweigt sie aber, dass in keinem Fall gesetzlich vorgeschriebene Höchstwerte überschritten wurden. Weinbaupräsident Weber: "Da wird nicht die volle Wahrheit gesagt. Die gemessenen Mengen liegen hundert-, teilweise sogar tausendfach unterhalb der Grenzwerte. Alle genannten Mittel sind legal und zugelassen."Keine Gefahr für den Verbraucher sieht auch das Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin. "Es gibt keinerlei Bedenken", sagte gestern eine Sprecherin der Berliner Behörde gegenüber dem TV. Hintergrund der Veröffentlichung sei die Forderung von Pan, Pflanzenschutzmittel grundsätzlich zu verbieten.Doch ohne Pflanzenschutz kann Weinbau nicht betrieben werden - weder konventionell noch ökologisch. Das sagt unter anderem Dr. Friedrich Louis, Pflanzenschutzexperte vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Rheinpfalz, in Neustadt. Pilzkrankheiten wie Oidium, Peronospora und Botrytis sowie tierische Schädlinge könnten ohne Gegenmaßnahmen zu einem Ernte-Totalausfall führen. Strenges Zulassungsverfahren

Konventionell wirtschaftende Betriebe verwenden teilweise synthetisch-organische Pflanzenschutzmittel. Ökobetriebe verzichten auf solche Mittel, sie dürfen aber synthetische Kupfer- und Schwefelpräparate anwenden. In Deutschland müssen, so Louis, alle Mittel ein strenges Zulassungsverfahren durchlaufen. Dabei wirken mit das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit, das Bundesumweltamt und das Bundesamt für Risikobewertung. Grundsätzlich gilt: Werden die Mittel ordnungsgemäß angewendet, darf weder für den Anwender noch für den Verbraucher eine Gefährdung bestehen.Pflanzenschutz-Experte Louis weist ferner darauf hin, dass sich der Einsatz von Insektiziden im Weinbau in den vergangenen Jahren drastisch verringert hat. Dies sei vor allem dem Einsatz von Pheromonen zu verdanken. Bei der Bekämpfung des wichtigsten tierischen Schädlings im Weinbau, dem Traubenwickler, werden mittlerweile auf 60 Prozent der deutschen Rebflächen - sowohl im ökologischen als auch im konventionellen Weinbau - Pheromone eingesetzt. Dies sind Sexualduftstoffe des Traubenwickler-Weibchens, die normalerweise die Männchen anlocken. Die Stoffe werden künstlich hergestellt und in Ampullen gefüllt. Wenn sie in den Weinbergen ausgehängt werden ist die Pheromon-Konzentration sehr hoch und die Männchen sind so verwirrt, dass sie die Weibchen nicht mehr finden. So kann sich der Traubenwickler nicht mehr vermehren. Meinung Panikmache Pestizide gehören nicht in den Wein, auf Obst, Salat oder Gemüse. Diesen Satz unterschreibt jeder. Dabei ist noch gar nichts, wie im aktuellen Fall, über eine mögliche gesundheitliche Gefährdung gesagt. Deshalb bewirken Schlagzeilen wie "Gift im Wein" Ängste. Die Urheber dieser Schlagzeilen wissen das, sie wollen damit Politik machen. Sie wollen, dass Pflanzenschutzmittel möglichst komplett verboten werden. Doch Landwirtschaft, Wein-, Obst- oder Gartenbau, die wirtschaftlich betrieben werden, sind auf Pflanzenschutzmittel angewiesen. Dabei kommt es auf die richtige Dosierung an. "Gift" ist vieles - auch Salz, wenn man davon auf einmal eine ganze Tasse zu sich nimmt. Fakt ist: In kaum einem anderen Land wie Deutschland sind die Auflagen bei der Anwendung von Pflanzenschutzmitteln so streng. Es gibt Rückstands-Höchstwerte, die einen Schutz der Gesundheit gewährleisten. Nirgendwo wird strenger kontrolliert. Aber auch nirgendwo anders werden von bestimmten Gruppen solche Ängste verbreitet. w.simon@volksfreund.de