Weit verbreitet, aber keine Epidemie

Weit verbreitet, aber keine Epidemie

Auch nach dem Nachweis eines bedrohlichen Keims auf der Frühchenstation des Trierer Mutterhauses hält der Trierer Mikrobiologe Ernst Kühnen die Lage in der Region nicht für dramatisch. Der Keim sei weit verbreitet, in der Regel sei er aber ungefährlich.

Trier. Bei 3498 Patienten in der Region ist seit 1995 der Keim Serratia marcescens nachgewiesen worden. Der Keim, der auch bei sieben Frühchen auf der Kinderintensivstation des Trierer Mutterhauses nachgewiesen worden ist (der TV berichtete). Was dazu geführt hat, dass seit vergangenem Freitag keine neuen Patienten mehr auf der Station aufgenommen werden. Das gilt so lange, bis die dort derzeit noch betreuten Kinder entlassen sind und die gesamte Station grundlegend desinfiziert werden kann.
Auf den ersten Blick mag die hohe Zahl der Serratia-Fälle erstaunen. Doch der Trierer Mikrobiologe Ernst Kühnen beruhigt die Gemüter. Das zeige nur, wie verbreitet der Keim ist, der sich im Erdreich oder auf Pflanzen verbergen kann. Und im menschlichen Darm. Meistens ohne gefährlich zu werden. Gefahr besteht demnach nur für immungeschwächte Patienten, für Ältere, Schwerkranke und Neugeborene - vor allem Frühchen. Es gibt laut Kühnen keinen Hinweis auf eine Häufung des Bakteriums.
Und in der Tat: Betrachtet man die Zahlen der Patienten, bei denen in den vergangenen Jahren der Keim nachgewiesen worden ist, so ist keine große Schwankung zu erkennen. Seit 2004 liegt die Zahl der Fälle zwischen 200 und 270 pro Jahr. Im vergangenen Jahr wurde der Keim bei 224 Patienten nachgewiesen, überwiegend bei Patienten, die in Kliniken behandelt worden sind. In diesem Jahr sind es bislang 216 Fälle, darin enthalten auch die sieben Babys aus dem Mutterhaus. Die Lage insgesamt sei nicht bedrohlich, die Verbreitung bewege sich auf sehr niedrigem Niveau, sagt Kühnen. Von einer Epidemie könne auf keinen Fall die Rede sein.
Allerdings sei das Auftauchen des Keims in einer Kinderintensivstation natürlich schon dramatisch. Schlimmstenfalls kann eine Infektion mit Serratia tödlich verlaufen. Vor einem Jahr ist ein Säugling in einem Berliner Krankenhaus gestorben, nachdem er sich mit dem Keim infiziert hatte. Besonders gefährdet sind Frühgeborene. Bei ihnen ist das Immunsystem noch nicht vollständig entwickelt, und ihre Haut ist viel dünner. Deshalb können Keime leichter eindringen und sind viel gefährlicher als für ältere Kinder oder Erwachsene.
Dass der Keim auf Neugeborenenstationen auftaucht, ist eher selten. Bei 33 Patienten, die jünger als ein Jahr waren, ist er seit 1995 in Trier nachgewiesen worden. Dass wie derzeit im Mutterhaus gleich sieben Kinder auf einer Station betroffen sind, ist eher selten. Die Verantwortlichen der Klinik hätten alles richtig gemacht, sagt Kühnen. Nur wenn eine Weiterverbreitung gestoppt werde, indem keine neuen Patienten mehr aufgenommen würden und die Station komplett und grundlegend desinfiziert werde, könne man den Keim in den Griff bekommen.
Serratia marcescens ist laut Kühnen am häufigsten bei Älteren festzustellen. Vor allem Menschen über 60 Jahre sind betroffen - und gleichzeitig auch gefährdet. Da sie anfälliger für Erkrankungen sind, kann es zu Infektionen mit dem Keim kommen. Immer dann, wenn auf einer Klinik-Station gleich mehrere Patienten betroffen seien, müsse eine noch strengere Hygiene eingehalten werden, sagt Kühnen. Im Detail: Ärzte und Pfleger müssen bei der Behandlung der Patienten Einmalkittel und -handschuhe tragen. Diese müssen dann im Zimmer entsorgt werden, damit die Keime nicht weitergetragen werden. Meistens, so Kühnen, werde der Keim von außen, also von Patienten, ins Krankenhaus gebracht. Das Auftauchen von Serratia sei keinesfalls ein Zeichen von mangelnder Hygiene in einer Klinik.Extra

Erste Hinweise auf den Keim Serratia marcescens finden sich bereits im sechsten Jahrhundert vor Christus. Soldaten bemerkten, dass ihr Brot immer wieder mit Blut befleckt zu sein schien. Später wurde die "blutige Hostie" sogar Teil der christlichen Tradition. Auch beim Kommunionsbrot tauchten die roten Flecken auf. Es handelt sich dabei aber nicht um Blut, wie man heute weiß, sondern um eine Besiedlung mit dem Keim Serratia marcescens. Für das Auge nicht sichtbar, färbt er sich bei Kontakt mit Lebensmitteln rot. Daher wird er auch Hostien-Keim genannt. wie

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