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Weiter geht's nach Feierabend: Trend zum Zweitjob

Weiter geht's nach Feierabend: Trend zum Zweitjob

Der Weg von der Arbeit führt immer mehr berufstätige Menschen nicht nach Hause oder zu Freizeitaktivitäten. Jeder elfte Beschäftigte geht mittlerweile einem zweiten Job nach. Oft sind es die sogenannten Mini-Jobs.

Berlin. Am Tag im Büro und abends kellnern: Immer mehr Arbeitnehmer in Deutschland verdienen sich neben ihrer Hauptbeschäftigung noch etwas hinzu. Nach den aktuellen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit ging im Vorjahr bereits jeder elfte Beschäftigte (neun Prozent) mit einer sozialversicherungspflichtigen Stelle zusätzlich mindestens einem Minijob nach. Im Jahr 2003 war es erst jeder 23. Arbeitnehmer (4,3 Prozent).
Damals verfügten knapp 1,2 Millionen Beschäftigte über ein zweites Arbeitsverhältnis. Ende des Vorjahres waren es schon 2,6 Millionen. Allein seit 2010 ist die Zahl der Betroffenen um rund 135 000 gestiegen. Das entsprach einem Zuwachs von 5,7 Prozent.
Eine Domäne der Frauen


Dabei sind die sogenannten geringfügig entlohnten Beschäftigungsverhältnisse im Nebenjob eine Domäne der Frauen. Ende 2011 gingen rund 1,5 Millionen von ihnen einem Zweitjob auf 400-Euro-Basis nach. Unter den Männern waren es gut 1,1 Millionen. Am häufigsten sind Beschäftigte mit Zweitjobs im Handelsbereich anzutreffen. Hier waren zum Ende des Vorjahres allein 424 000 Zweitjobber registriert. Bezogen auf einzelne Branchen steht das Gastgewerbe mit 289 000 Zweitjobbern an der Spitze.
"Dass immer mehr Beschäftigte neben ihrer Haupttätigkeit einem Zweitjob nachgehen, ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass Arbeit nicht mehr existenzsichernd ist und das Geld aus einem Job nicht mehr ausreicht", erklärte die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken, Sabine Zimmermann, gegenüber unserer Zeitung.
Das Vollarbeitsverhältnis, aus dem man sein Leben bestreiten könne, werde immer weiter zurückgedrängt. Zimmermanns Befund lässt sich allerdings durch die Tatsache relativieren, dass gerade in prosperierenden Regionen überdurchschnittlich viele Menschen mit Zweitjobs anzutreffen sind. So lag der Anteil dieser Personen gemessen an allen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten Ende 2011 in Baden-Württemberg bei 11,4 Prozent, im strukturschwachen Mecklenburg-Vorpommern dagegen bei nur 4,7 Prozent.
Auffällig ist auch, dass die Zahl der ausschließlich geringfügig Beschäftigten seit 2007 nahezu konstant geblieben ist. Damals waren es gut 4,8 Millionen. Jetzt sind es rund 80 000 weniger.
Nach einer früheren Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) kann höchstens aus der Kombination mehrerer Mini-Jobs auf eine schwierige soziale Lage der Betroffenen geschlossen werden. Denn die Steuer- und Abgabenfreiheit für den Arbeitnehmer entfällt, sobald die Summe der Einkünfte über 400 Euro liegt. Über die genaue Anzahl der Personen mit mehreren Mini-Jobs gibt es jedoch keine Statistik.
"Der größere Teil der Beschäftigten mit Zweitjobs sind durchaus qualifizierte Leute mit gutem Einkommen, die sich noch etwas dazu verdienen", meinte die Arbeitsmarktexpertin der Grünen, Brigitte Pothmer. Sie sieht ein Problem jenseits der Armutsdiskussion: Menschen, die in ihrem Betrieb Überstunden machten, müssten dafür alle Lohnnebenkosten einschließlich Steuern zahlen. Wer dagegen noch einen Minijob habe, brauche das nicht, erläuterte Pothmer. Aber sie seien "extrem unfair gegenüber der Versichertengemeinschaft", resümierte Pothmer. Daher müssten Mini-Jobs unattraktiver gemacht werden.
Dagegen will die Bundesregierung die Mini-Jobs sogar noch ausbauen. Nach ihren Plänen soll die Verdienstgrenze, bis zu der Arbeitnehmer beitrags- und steuerfrei verdienen können, um 50 auf 450 Euro angehoben werden. vet