Wenig Geld, wenig Bildung

BERLIN. Mit ihrem jüngsten Kinder- und Jugendbericht rennt Familienministerin Renate Schmidt (SPD) bei Kinderschutzorganisationen offene Türen ein. Die Kernaussage der Analyse: "Bildung, Erziehung und Betreuung müssen Kindern aller Altersstufen zugänglich sein."

Wenn Kinder in armen Familien aufwachsen, ist es um ihre Bildungschancen schlecht bestellt: Das ist eins der Ergebnisse des neuen Kinder- und Jugendberichts. "Kinder aus armen Familien werden siebenmal häufiger zurück gestellt als andere, weil - so die Begründung - ihr Sprach- und Sozialverhalten, ihre motorischen und Konzentrations-Fähigkeiten nicht den Anforderungen entsprechen." Darauf verweist die Geschäftsführerin des Kinderschutzbundes, Gabriele Wichert. Nur knapp ein Drittel aller Kinder aus Familien, die auf Arbeitslosengeld II oder Sozialhilfe angewiesen seien, schafften den Übergang zu weiterführenden Schulen.Ministerin will Reform von Schul- und Vorschulsystem

Nach Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtverbandes (DPWV) hat sich die Zahl der in Armut lebenden Kinder unter 15 Jahren seit Einführung des Arbeitslosengeldes II von 965 000 auf 1,5 Millionen erhöht. Unter Berücksichtung der Dunkelziffer - gemeint sind Kinder, deren Recht auf Sozialleistungen nicht in Anspruch genommen wird - kommen 200 000 Mädchen und Jungs hinzu. In den alten Ländern liegt die Armutsquote bei 12,4 Prozent, in den neuen bei 23,7 Prozent. Viele Kinder würden von einem normalen Alltagsleben ausgeschlossen, sagt Schneider. Der Musikunterricht bleibe ihnen genauso verschlossen wie der Zoobesuch. PWV und Kinderschutzbund teilen die Auffassung von Familienministerin Renate Schmidt, dass neben arbeitsmarktpolitischen Anstrengungen eine Reform des Schul- und Vorschulsystems notwendig ist. Der von Schmidt gestern vorgestellte Kinderbericht plädiert für den Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz ab dem zweiten Lebensjahr. Außerdem setzen sich die Sachverständigen in ihrem Bericht für eine völlige Gebührenfreiheit in der Kindertagesbetreuung ein. Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert als Sofortmaßnahme eine Anhebung des Arbeitslosengeldes II um 19 Prozent und die Wiedereinführung der Einmalleistungen aus dem früheren Sozialhilferecht.