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Weniger Einkommen, aber mehr Kaufkraft

Weniger Einkommen, aber mehr Kaufkraft

Im Osten Deutschlands liegen die Löhne zumeist immer noch deutlich unter denen in den alten Bundesländern. Entsprechend höher ist im Osten auch die Armutsquote. Eine aktuelle Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zeigt jedoch, dass man sich wegen der unterschiedlichen Preise im Osten mehr für sein Geld leisten kann als in Westdeutschland. Nachfolgend die wichtigsten Ergebnisse der gestern veröffentlichten Studie im Überblick.

Wer gilt in Deutschland als einkommensarm?
Als einkommensarm gilt, wer weniger als 60 Prozent des mittleren Lohns zur Verfügung hat. Für seine Berechnungen stützt sich das IW auf Angaben des Statistischen Bundesamtes. Demnach liegt diese Schwelle für einen Alleinstehenden bei 870 Euro im Monat. Für ein kinderloses Paar beträgt der Schwellenwert 1300 Euro, für ein Paar mit zwei kleinen Kindern 1830 Euro. Bei dieser gängigen Definition spielt jedoch die unterschiedliche Kaufkraft keine Rolle. So kommt es, dass die Armutsquote in den neuen Ländern bei etwa 20 Prozent liegt. Das sind knapp sechs Prozentpunkte mehr als im Westen.
Welche Rolle spielt das Preisniveau?
Unter Berücksichtigung der Preisunterscheide halbiert sich laut IW bei der Armutsquote der Unterschied zwischen Ost und West von sechs auf drei Prozentpunkte. In bestimmten Fällen kehrt sich das Verhältnis sogar um. Dem IW zufolge braucht zum Beispiel ein Alleinstehender in München monatlich 1030 Euro, um sich genauso viel leisten zu können wie eine Durchschnittsperson an der Einkommensschwelle von 870 Euro. Bei einem Single in Stendal (Sachsen-Anhalt) reichen laut IW dagegen schon 800 Euro aus. So gilt ein Stendaler mit zum Beispiel 850 Euro im Monat nach der allgemeinen Definition als einkommensarm, während ein Münchener mit 900 Euro nicht darunter fällt, obwohl er sich am Ende weniger leisten kann als der Stendaler.

Wie schneiden die Bundesländer ab?
Wenn Einkommen und Preisniveau zusammen berücksichtigt werden, dann steigt nach den Berechnungen des IW Thüringen zum Land mit dem drittniedrigsten Anteil von Personen mit einer Kaufkraftarmut auf - hinter Bayern und Baden-Württemberg. In Brandenburg und Sachsen liegt die Armutsquote dann nur noch um knapp einen Prozentpunkt über dem Bundesdurchschnitt. Schlusslichter in diesem Ranking sind Bremen, Berlin und Mecklenburg-Vorpommern, weil dort sowohl Einkommensarmut als auch Preisniveau vergleichsweise hoch sind.

Gibt es Unterschiede zwischen Stadt und Land?
Ja, der Unterschied zwischen Stadt und Land ist im Hinblick auf Armut und Kaufkraft deutlich gravierender als das West-Ost-Gefälle. Demnach zählen in den ländlichen Gebieten nur 14 Prozent der Bevölkerung zu den Kaufkraftarmen. In den Städten sind es immerhin 22 Prozent. Und die an der Kaufkraft gemessene Armutsquote ist in den Städten zwischen 2006 und 2012 sogar noch um 2,5 Prozentpunkte gestiegen. Auf dem Land gab es dagegen fast keine Veränderung.

Wie erklärt sich das hohe Armutsrisiko in den Städten?
Die grundsätzlich niedrigere Kaufkraft dort erklärt sich durch das höhere Preisniveau als auf dem Land. Hinzu kommt, dass in den Städten viele Menschen wohnen, die von vornherein ein größeres Armutsrisiko aufweisen. Dazu zählen Haushalte mit Arbeitslosen, Alleinerziehende sowie Ausländer. Diese Gruppen machen in den Städten fast zwei Drittel der Einwohner aus, auf dem Lande weniger als die Hälfte.

Wozu raten die Forscher?
IW-Chef Michael Hüther verwies auf den Ende 2019 auslaufenden Solidarpakt, der für Ostdeutschland wegen der teilungsbedingten Lasten zusätzliches Geld vorsieht. Dieses Geld muss laut Hüther in die regionalpolitische Förderung, insbesondere in Großstädten mit Strukturproblemen, umgelenkt werden. Nötig sei auch eine gezielte Sprachförderung für Migranten.