Weniger Gläubige und mehr Einnahmen

Weniger Gläubige und mehr Einnahmen

Die Zahl der Austritte aus der katholischen Kirche dürfte in diesem Jahr im Bistum Trier deutlich steigen. Das Kuriose daran: Auf der Einnahmeseite des Bistumshaushalts wird dies kaum negativ ins Gewicht fallen.

Trier. 262 Millionen Euro wird Deutschlands älteste Diözese in diesem Jahr vermutlich an Kirchensteuern einnehmen. Das sind zweieinhalb Millionen Euro mehr als im Vorjahr. Ein stolzer Betrag, der allerdings nicht ausreicht, um die Ausgaben zu decken. Deshalb müssen 19 Millionen Euro aus der Rücklage genommen werden, um die finanzielle Lücke zu schließen.
Millionenschweres Sparpaket


So zumindest sah der Plan von Generalvikar Georg Bätzing und der bischöflichen Finanzchefin Kirsten Straus Anfang Februar aus, als der Bistumshaushalt vorgestellt wurde. Gut möglich, dass an diesem Plan inzwischen schon einiges wieder Makulatur ist. Denn zuletzt schrumpfte das zu Beginn eines Jahres prognostizierte Haushaltsloch in den Folgemonaten stets kräftig zusammen. So waren etwa für 2012 knapp 28 Millionen Euro Miese eingeplant, von denen am Jahresende allerdings "nur" 14,7 Millionen Euro Minus übrigblieben. Das ist zwar immer noch ein dicker Betrag, der allerdings in Zukunft auch deshalb geringer ausfallen soll, weil das Bistum ein millionenschweres und teils umstrittenes Sparpaket geschnürt hat (der TV berichtete mehrfach).
Ob die wundersame Defizitverkleinerung auch im laufenden Haushaltsjahr wieder zu erwarten ist, dürfte bald feststehen. Die Wahrscheinlichkeit ist jedenfalls groß. Hauptgrund: die Entwicklung auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Je mehr Menschen und damit Gläubige einen Job haben und damit Steuern zahlen, desto höher fallen die daran gekoppelten Einnahmen der Kirchen aus.
So kann es am Ende eines Jahres zu der kuriosen Situation kommen, dass - natürlich auch wegen Lohnzuwächsen - die Kirchensteuereinnahmen gegenüber dem Vorjahr steigen, obwohl weniger Menschen der katholischen Kirche angehören.
Die Zahl der Gläubigen wird im Bistum Trier in den nächsten sieben Jahren um 50 000 Menschen zurückgehen, lauten die Prognosen. Doch selbst dann leben im Gebiet zwischen Trier, Saarbrücken, Mainz und Koblenz immer noch 1,4 Millionen Katholiken. 60 Prozent der Bevölkerung im Bistum Trier gehören damit der katholischen Kirche an.
Da mag es nicht so sehr ins Gewicht fallen, wenn die Zahl der Kirchenaustritte einmal höher ausfällt als kalkuliert. In diesem Jahr wird dies der Fall sein, nicht nur im affärengeplagten Bistum Limburg, sondern auch in allen anderen 26 deutschen Diözesen.
In der Region Trier verzeichnen die Standesämter jedenfalls einen teils sprunghaften Anstieg an Kirchenaustritten, wie eine Umfrage unserer Zeitung ergab. 20 Standesämter teilten dem TV am Freitag ihre aktuellen Zahlen mit (siehe Grafik).
Danach liegen die Austrittszahlen schon jetzt, Ende Oktober, fast überall deutlich über den Zahlen des gesamten Vorjahres. Lediglich in den Verbandsgemeinden Bitburg-Land, Hermeskeil, Hillesheim, Kell am See, Manderscheid und Wittlich-Land liegen die Zahlen noch darunter.
Unter dem Strich sind die Austrittszahlen um 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Bestätigt sich dies am Jahresende, würden in diesem Jahr bistumsweit knapp 6500 Katholiken aus der Kirche austreten, gut 1080 mehr als im Vorjahr. Anders als früher veröffentlicht das Bistum Trier diese Zahlen nicht mehr auf Anfrage, sondern erst nach dem Plazet der Deutschen Bischofskonferenz. Bis das Okay aus Bonn kommt, ist das Folgejahr in der Regel schon halb vorbei. Intern allerdings sind die von den Standesämtern weitergegebenen aktuellen Zahlen aber natürlich bekannt.
Und so ist es klar, dass der am Freitag von unserer Zeitung befragte Trierer Generalvikar Georg Bätzing von einem "sprunghaften Anstieg der Austrittszahlen im Oktober" spricht. Folge der Limburger Affäre und der "medialen Berichterstattung und Skandalisierung", sagt Bätzing.
Und warum muss Trier darunter leiden, wenn im Nachbarbistum etwas falsch läuft? "Weil dann alle dafür verantwortlich gemacht werden", antwortet der Generalvikar.
Nicht ganz zu unrecht, meint Christian Weisner von der Kirchenvolksbewegung "Wir sind Kirche". Seiner Meinung nach geht es beim derzeitigen Protest nicht allein ums Bistum Limburg oder den dortigen Bischof. "Wir haben eine Kirchenkrise. Und der Austritt ist das einzige wirksame Protestmittel der Gläubigen."Extra

Mit dem Thema "Limburg und die Folgen" hat sich am Samstag auch die Vollversammlung des Katholikenrats im Bistum Trier befasst. In einer angeregten Diskussion habe das Gremium versucht, sich sachlich der Thematik zu nähern, welche Folgen die Vorgänge um Bischof Tebartz-van Elst für die katholische Kirche haben, heißt es in einer Pressemitteilung des Katholikenrats. Derzeit werde in vielen Medien nur noch das Thema "Neubau am Domplatz und die horrenden Kosten" aufgegriffen. "Viel schwerer wiegt jedoch der Vertrauensverlust: Die Limburger müssen feststellen, dass ihr Vertrauen in ihrem Bischof zerstört ist", heißt es in der Mitteilung. Aber nicht nur in Limburg sei Vertrauen zerstört worden: "Zum zweiten Mal innerhalb kurzer Zeit schlägt der katholischen Kirche in Deutschland mehr Misstrauen als Vertrauen entgegen. Erneut müssen wir uns auf den mühsamen Weg der Wiederherstellung dieses Vertrauens machen. Wir glauben, dass die Grundlagen für die neue Vertrauensbildung zunächst vor allem Transparenz und Offenheit heißen." Dem Katholikenrat gehören zurzeit 50 aus den Dekanatsräten gewählte und von kirchlichen Verbänden delegierte sowie fünf berufene Mitglieder an. redExtra

Knapp zwei Drittel der Deutschen lehnen einer Umfrage zufolge die staatlich erhobene Kirchensteuer ab. Stattdessen solle die Kirche aus Mitgliederbeiträgen finanziert werden. Selbst 51 Prozent der befragten Katholiken seien gegen die bisherige Form der Kirchensteuer, ergab die jüngst veröffentlichte Erhebung des Meinungsforschungsinstitut Infratest dimap im Auftrag der SWR-Sendung "Zur Sache Rheinland-Pfalz!". Die Rolle der Kirche in Deutschland war zuletzt kritisch diskutiert worden. Anlass dafür war die Affäre um den Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst, der nun vom Papst eine Auszeit verordnet bekam. dpa

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