Weniger Lohn, kürzere Lehre

BERLIN. Knapp 560000 Jugendliche suchen nach jüngsten Angaben der Nürnberger Bundesagentur für Arbeit in diesem Jahr eine Lehrstelle - 3,1 Prozent mehr als im Vorjahr. Bislang sind aber nur knapp 369 000 Ausbildungsplätze gemeldet - 6,3 Prozent weniger als im März 2003. Die Union hat nun ihr Konzept gegen die Misere vorgestellt.

Um der rot-grünen Ausbildungsplatzabgabe Paroli zu bieten, schlagen die Bildungsexperten von CDU und CSU, Katherina Reiche und Uwe Schummer, verkürzte Ausbildungszeiten, eine beschleunigte Einführung neuer Berufsbilder und die drastische Senkung der Lehrlingsvergütung vor. Das Ziel bestehe darin, die Ausbildungsbereitschaft der Betriebe zu erhöhen, so Reiche. In vielen Fällen sei die Ausbildung zu sehr mit Theorie behaftet. "Kein Land leistet es sich, einen Tankwart drei Jahre auszubilden”. Ihr Gesetzentwurf zielt insbesondere auf Jugendliche mit geringerer schulischer Begabung ab. Nach Angaben Schummers bleiben jährlich etwa 90 000 Jugendliche ohne Schulabschluss. Mittlerweile hätten 1,3 Millionen Menschen bis zu 29 Jahren keinerlei Berufsbildung. Bei bestimmten Tätigkeit soll es daher verstärkt zu einer Stufenausbildung kommen. Als Beispiel nannte Schummer die Pflegebranche, die Hauptschülern bislang "verbarrikadiert” bleibe. So wäre ein Abschluss als Altenpflege-Helfer schon nach 18-monatiger Ausbildung möglich. Spätere Weiterqualifizierung nicht ausgeschlossen. Zur schnelleren Einführung neuer Berufsbilder soll nach dem Vorbild von Tarifverhandlungen ein neutraler Schlichter installiert werden. Bis zur Einigung der Sozialpartner vergingen bis zu drei Jahre, so Schummer. Durch den Schlichter lasse sich die Zeit auf sechs Monate verkürzen. Das Lehrlingsentgelt will die Union bis zu einem Drittel absenken. Als Bemessungsgrundlage soll allerdings nicht der Tarif, sondern die in der Region übliche Vergütung gelten. Und die kann auch niedriger sein. Bei den Gewerkschaften findet der Gesetzentwurf dann auch erwartungsgemäß keine Gegenliebe. Eine Absenkung der Ausbildungsvergütung sei tarifvertraglich schon heute möglich, erläuterte der Bildungsexperte beim DGB, Volker Scharlowsky, gegenüber unserer Zeitung. Die Vorlage der Union nehme darauf aber keine Rücksicht. Erforderlich sei lediglich eine Vereinbarung zwischen Betrieb und Lehrling beziehungsweise dessen Eltern. "Da ist doch klar, wer den Kürzeren zieht”. Zugleich verwies Scharlowski auf einen Passus, wonach die Entlohnung sogar bis zur Mindestvergütung behinderter Jugendlicher reduziert werden kann. "Da landet man bei 93 Euro”. Gegenwärtig erhalten Auszubildende im Schnitt zwischen 300 und 900 Euro pro Monat. Das Bundesbildungsministerium zeigte sich ebenfalls unterkühlt. "Das ist kalter Kaffee in neuem Aufguss”, meinte eine Sprecherin gegenüber unserem Blatt. Die Stufenausbildung sei zum Beispiel in der Bauwirtschaft längst eingeführt. Inzwischen gäbe es mehr als 30 Ausbildungsberufe mit einer auf zwei Jahre begrenzten Lehre. Bei der Lehrlingsentlohnung in der Chemiebranche lasse der Tarifvertrag eine Absenkung von bis zu 20 Prozent zu. Weitergehende Lösungen könnten nur die Tarifvertragsparteien regeln.