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Wenn blaues Licht Leben rettet

Wenn blaues Licht Leben rettet

Egal, ob im Hunsrück oder in der Eifel - die Jäger berichten alle das Gleiche: Die neuartigen, blauen Wildwarnreflektoren funktionieren fantastisch. Wer sicherer fahren will, braucht allerdings einen spendablen Jagdpächter. Denn die bezahlen.

Trier. Während sich die Dunkelheit über die Landschaft legt, tritt ein Reh aus dem Wald. Gerade will es auf die Straße laufen, als es von einem durchs Gebüsch flitzenden blauen Blitz erschreckt wird und stehen bleibt. Anders als die Farben Rot oder Grün, die die Tiere nur schwer von der Umgebung unterscheiden können, ist Blau für Rehe eine Alarmfarbe. Der "Blitz" ist nichts weiter als das Licht eines Autoscheinwerfers, der von einer blauen Folie reflektiert wird, die mit einem Plastikteil an einen Straßenpfosten montiert wurde. Und doch scheint das Ganze Wunder zu wirken. Feldstudien des Landesjagdverbands zeigen, dass sich die Zahl der Wildunfälle dank blauer Reflektoren um 75 Prozent reduzieren lässt.
Auch im Kreis Trier-Saarburg haben die Jäger sehr gute Erfahrungen gemacht. Dort wurden 4000 Reflektoren auf freiwilliger Basis angebracht. Rund 20 000 Euro haben die Waidmänner laut Heinz Schulten, dem Vorsitzenden des Kreisjagdverbands, aus eigener Tasche bezahlt. Weitere 8000 Euro hätten der Kreisjagdverband, zwei Banken, die Verbandsgemeinde Ruwer und Forstämter gespendet. "Alle Pächter, die ich bisher gesprochen habe, sagen, die Reflektoren haben prima geholfen", sagt Schulten. Nur auf der Hunsrückhöhenstraße bleibe der erwünschte Effekt bisher aus. "Wenn die Leute da mit 130 rasen, dann hilft ein Reflektor auch nicht mehr", sagt er.
In erster Linie gehe es den Jägern darum, das Leid von den Tieren abzuwenden, die nach Unfällen nicht selten mit gebrochenen Läufen am Straßenrand liegen. "Und wenn es uns gelingt, nur einen verletzten Menschen weniger zu haben, dann ist das ein großer Erfolg", sagt Schulten.
Wie so mancher seiner Kollegen versteht er aber nicht, warum es alleine Aufgabe der Jäger sein soll, Wildunfälle abzuwenden. "Die Haftpflichtversicherungen müssten zahlen", sagt er. Schließlich sollte es in deren Interesse sein, dass es weniger Unfälle gibt.
Auch die Verträge, die Jäger mit dem Landesbetrieb Mobilität abschließen müssen, ehe sie Reflektoren anbringen dürfen, kritisiert der Verbandssprecher als "nicht eben kundenfreundlich". So müssen die Jäger haften, falls es wegen der Reflektoren Ansprüche Dritter geben sollte.

Auch im Eifelkreis Bitburg-Prüm hat der Jagdverband für rund 27 000 Euro 5000 Reflektoren à 5,50 Euro bestellt, die dann Dank der finanziellen Unterstützung des Kreises günstiger an Jagdpächter abgegeben werden konnten. Und: "Der Effekt ist eindeutig da", sagt Kreisjagdmeister Gerd Grebener, der die Investition von einigen Hundert Euro jedem Jäger empfiehlt.

In Bernkastel-Wittlich und dem Kreis Vulkaneifel hat es bisher keine Sammelbestellung gegeben. Dort sind einzelne Jäger aktiv geworden. "Unfallschwerpunkte wurden so erheblich entschärft", sagt Markus Schürmann, Kreisgruppenvorsitzender des Jagdverbands Vulkaneifel. Von einer flächendeckenden Einführung ist man allerdings weit entfernt. Bisher haben nur neun Pächter Verträge mit dem LBM geschlossen.
"Das alles könnte man als öffentliche Aufgabe betrachten", sagt Schürmann und fragt sich, warum Straßenpfosten nicht gleich mit Reflektoren hergestellt werden. Da Wild rechtlich als herrenlos gilt, seien Jäger nicht für Wildunfälle verantwortlich.

Ganz anders sieht dies Siegfried Brockmann, Leiter der Unfallforschung beim Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft (GdV). "Wo wenig Wild ist, sind auch wenige Unfälle", sagt er. Jäger jedoch hätten gerne viel Wild. Das Thema gehe sie also durchaus etwas an. Genau wie der Landesbetrieb Mobilität hat der GdV eine zweijährige Studie in Auftrag gegeben, die prüfen soll, wie die Reflektoren wirken. Bis die Ergebnisse vorliegen, sei es zu früh, um über eine finanzielle Unterstützung nachzudenken.
Der LBM sieht seinen Beitrag im Sinne der Verkehrssicherheit nach eigener Auskunft darin, der Anbringung von Wildwarnreflektoren an die Leitpfosten zuzustimmen. Es dürften sich also noch viele Abende übers Land legen, ehe die blauen Blitze in Rheinland-Pfalz zum Standard werden.Meinung

Keine Aufgabe allein für Jäger
Wenn Jäger sie nicht für 5,50 Euro pro Stück kaufen und eigenhändig montieren würden, dann gäbe es in den Wäldern der Region Trier keine der neuartigen blauen und offenbar hochwirksamen Wildwarnreflektoren. Dank sei allen Waidmännern, denen die Sicherheit ihrer Mitmenschen und ihres Wildes das Geld Wert ist. Aber trotzdem: Das ist doch absurd! Seit wann sind Jäger denn für die Verkehrssicherheit von Kreis-, Landes- oder Bundesstraßen verantwortlich? Mag ja sein, dass sie ein eigenes Interesse daran haben, möglichst wenig Tiere bei Unfällen zu verlieren. Natürlich ist es für sie auch erstrebenswert, nachts nicht mehr so oft rauszumüssen, weil mal wieder ein Wildschwein angefahren wurde. Aber Jägern deshalb die alleinige finanzielle und organisatorische Verantwortung für die Abwehr von Wildunfällen aufzubürden, ist Unsinn. Zumal die Aufgabe freiwillig ist. Und Autofahrer daher sicher nicht überall auf die Schutzwirkung der blauen Reflektoren hoffen können. Wenn derart einfache Mittel helfen, Unfälle zu vermeiden, Menschenleben zu retten und das Leiden angefahrener Tiere zu verhindern, dann ist es Aufgabe der öffentlichen Hand, sie bereitzustellen. Und zwar nicht erst in zwei Jahren. k.hammermann@volksfreund.de

Extra

2013 ereigneten sich auf den Straßen der Region 5676 Wildunfälle. Dies sind 26,5 Prozent aller Unfälle, die das Polizeipräsidium Trier verzeichnet. Bei 46 wurden auch Menschen verletzt. Je nach Polizeidienststelle ist der Anteil sehr unterschiedlich. Er reicht von vier Prozent (Trier) bis zu 44 Prozent (Morbach). Dazwischen liegen die Autobahnpolizei Schweich (18,8 Prozent), Wittlich (24,7 Prozent), Schweich (28 Prozent), Saarburg (31 Prozent), Bernkastel-Kues (32 Prozent), Bitburg (32,7 Prozent), Daun (36,3 Prozent), Prüm (37,8 Prozent) und Hermeskeil (42,5 Prozent). kah