Wenn das Schicksal zuschlägt

TRIER. Eine schlimme Erkrankung, der Tod eines geliebten Menschen, die Trennung vom langjährigen Partner – wenn das Schicksal mit voller Wucht zuschlägt, fühlen sich manche Menschen wie im freien Fall. Selbsthilfegruppen können dazu beitragen, dass Betroffene wieder Boden unter die Füße bekommen. Auch in der Region Trier gibt es ein vielfältiges Angebot.

"Bevor man nach Amerika fährt, fragt man jemanden, der schon da gewesen ist." Experte Jürgen Matzat findet markige Worte, wenn er über die Rolle von Selbsthilfegruppen spricht. Von den Erfahrungen anderer profitieren, Gesprächspartner finden, die die eigene Situation kennen, Menschen begegnen, die schon länger mit den gleichen Problemen leben und sich nicht haben unterkriegen lassen: Das hilft Patienten, bei denen beispielsweise gerade Krebs diagnostiziert wurde, oft einen wichtigen Schritt weiter.

Patienten klagen über schlechte Informationen

Weiterer Punkt: Selbsthilfegruppen informieren Patienten. "Früher hat man seinen Körper zum Onkel Doktor gebracht und ihn reparieren lassen", sagt Matzat, der die Kontaktstelle für Selbsthilfegruppen in Gießen leitet und sich seit fast 30 Jahren auf diesem Feld engagiert. "Heute fragt man nach. Patienten klagen immer wieder, dass sie sich schlecht informiert fühlen." Auch da helfen Selbsthilfegruppen weiter.
Und schließlich übernehmen sie einen wichtigen Part in Sachen Interessenvertretung. "Laut Gesetz sollen Patienten an Entscheidungen im Gesundheitssystem beteiligt werden", sagt Matzat. "Den organisierten Patienten gibt es anderswo nicht; also kommen die Selbsthilfegruppen ins Spiel."
Auch die Krankenkassen beziehen Selbsthilfegruppen mit ein, wie Paul Bockemühl, Chef der AOK Rheinland-Pfalz, sagt - etwa bei Programmen für Diabetiker. Bockemühl hebt die Info-Funktion hervor. "Die Gruppen geben weiter, welche Strategien erfolgreich sind, und helfen so, die Qualität der Medizin zu verbessern."
Seit US-Soldaten nach dem Zweiten Weltkrieg mit den "Anonymen Alkoholikern" den Selbsthilfe-Gedanken in Deutschland etablierten,
entstanden immer mehr Gruppen - vor allem in den vergangenen 20 bis 25 Jahren, wie Carsten Müller-Meine von der Trierer Selbsthilfe-Kontakt- und Informationsstelle (Sekis) berichtet. Das führt er nicht nur darauf zurück, dass die sozialen Netze immer dünner werden. "Ärzte und Therapeuten haben die Gruppen inzwischen auch als sinnvolle Ergänzung erkannt und informieren ihre Patienten entsprechend."
Die Chefärztin der psychiatrischen Abteilung des Trierer Mutterhauses, Beatrix Risch, sagt der Selbsthilfe eine weiter wachsende Bedeutung voraus. "Bei knapper werdenden Ressourcen tritt die eigene Aktivität immer stärker in den Vordergrund. Und je weiter die Enttabuisierung gerade von psychischen Krankheiten voran schreitet, desto mehr werden sich Betroffene in Selbsthilfegruppen engagieren."

Krankenkassen sollen zahlen

Bei der Gesundheitsreform 2000 wurde die Selbsthilfe auch rechtlich gestärkt: Die gesetzlichen Krankenversicherungen sollen sie jährlich mit einem bestimmten Betrag pro Versichertem unterstützen - 2005 lag er bei 54 Cent. Eine Regelung, die eine "enorme Anerkennung" und große finanzielle Hilfe bedeutet, wie Jürgen Matzat sagt. Und die dennoch Wünsche offen lässt. So können die Kassen nicht gezwungen werden, den vollen Betrag abzugeben. Die AOK Rheinland-Pfalz hat 2005 rund 40 Cent pro Versicherten gezahlt und bewegt sich damit nach eigenen Angaben "im oberen Limit der gesetzlichen Krankenkassen". Es habe nicht mehr förderungswürdige Anträge gegeben, erklärt Bockemühl - eine Aussage, die Matzat bezweifelt.
Weiterer Kritikpunkt: Der Katalog förderungswürdiger Selbsthilfegruppen umfasst nur bestimmte Krankheiten - getrennte Väter oder trauernde Eltern bleiben damit außen vor.
Allerdings ist das Geld von den Krankenkassen nicht die einzige Einkommensquelle der organisierten Selbsthilfe. Unterstützung kommt beispielsweise von Rentenversicherern, die Wohlfahrtsverbände engagieren sich, und auch die öffentliche Hand schießt kräftig zu. Carsten Müller-Meine verteilt ein Sonderlob an die Regierung in Mainz: "Andere Länder haben die Hilfe heruntergefahren, bei uns ist sie gleich geblieben." Auch die Stadt Trier fördert die Selbsthilfe finanziell, während von den umliegenden Landkreisen "nur" ideelle Unterstützung kommt - mit Ausnahme Dauns: Dort stellt die Verwaltung personelle Ressourcen.
Die Selbsthilfe in der Region hat durch die 1989 gegründete Kontakt- und Informationsstelle einen Schub erhalten. Die Sekis mit Sitz in der Trierer Franz-Georg-Straße, seit neun Jahren von Carsten Müller-Meine geleitet, hilft Menschen bei der Suche nach einer passenden Gruppe, berät und betreut bei Neugründungen und macht die Gruppen bekannt - beispielsweise durch die Verteilung eines jährlichen Wegweisers, der Selbsthilfegruppen in der Region auflistet.

Weitere Informationen unter Telefon 0651/141180 oder im Internet unter www.sekis-trier.de.

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