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Wenn die Bauchschlagader platzt, kommt der Tod

Wenn die Bauchschlagader platzt, kommt der Tod

Bis zu 10 000 Menschen sterben in Deutschland in jedem Jahr an den Folgen einer krankhaften Erweiterung der Bauchschlagader. Betroffen sind vor allem gesundheitlich vorbelastete Männer über 60. Rainer Sterk aus Trier ist 58 Jahre alt. Eine komplizierte Operation hat ihm das Leben gerettet.

Trier. Seit der Operation im September hat Rainer Sterk 27 Kilogramm abgenommen. "Ich habe vor dem Tod gestanden", sagt der 58-jährige Mann aus Trier-Euren und tätschelt bei diesen Worten seine Jack-Russel-Hündin Julie. Sterk bringt noch immer 127 Kilo auf die Waage. Die Erklärung für das hohe Gewicht gibt der Vater von drei erwachsenen Kindern ohne Zögern, denn sie ist ein wichtiger Teil seiner Lebensgeschichte: "Ich war früher Fleischer und Ausbeiner. Da isst man gut, vor allem aber süß." 16 Stunden am Tag habe er in seiner Zeit als Selbstständiger gearbeitet. "Da war keine Zeit. Es ging immer nur um schnell und viel."
Alkohol sei nie ein Thema gewesen. Aber die ungesunde Ernährung und reichlich Zigaretten behielt er auch bei, nachdem er bei einem Verkehrsunfall fast ein Bein verloren hatte. Das war vor 25 Jahren. Seitdem muss Sterk fast täglich Schmerzmittel und Medikamente nehmen. Vor zehn Jahren führte schließlich kein Weg am vorzeitigen Ruhestand vorbei. "Dann habe ich aus Langeweile geraucht und gegessen." Drei Liter Cola am Tag waren keine Seltenheit.
Birnengroße Erweiterung


Sein Körper machte das nicht mit. Immer beschwerlicher wurde das Gehen. "Mir ist einfach die Luft weggeblieben." Bei einer Krampfaderuntersuchung entdeckte sein Arzt, ein Gefäßspezialist, ein Aneurysma der Bauchaorta - eine lebensgefährliche Erweiterung der Hauptschlagader. Er schickte ihn ins Trierer Mutterhaus. "Da hat mir der Chefarzt gesagt, wenn Sie die Operation überleben wollen, hören Sie sofort mit dem Rauchen auf", erinnert sich Sterk. Keine Zigarette habe er seitdem mehr angerührt.
Dr. Christian Sprenger leitet das Zentrum für Gefäßchirurgie in dem mit 2600 Mitarbeitern größten Krankenhaus der Region. Er ist selbstbewusst: "So komplexe Eingriffe wie bei Herrn Sterk nimmt in der Region nur das Mutterhaus vor."
Denn anders als bei "normalen" Aneurysma-Operationen, bei der standardisierte Prothesen in die Schlagader eingeführt werden, um sie zu stützen, wurde im Fall des Eureners eine indviduelle Spezialanfertigung gebraucht. Chefarzt Sprenger: "Das ist notwendig, wenn von der Hauptschlagader weitere Arterien abzweigen." Für die maßgeschneiderte Prothese musste am 3-D-Drucker ein Modell der Bauchschlagader erstellt werden. In zwei weiteren Schritten fertigte eine Firma in Glasgow das Spezialimplantat. 30 000 bis 35 000 Euro kostet dieses Wunderwerk des medizinischen Fortschritts. Es überrascht wenig, dass die Krankenkassen die Zahl solcher Spezialanfertigungen auf derzeit zehn Exemplare pro Jahr beschränken.
Der Eingriff selbst war für das erfahrene Operationsteam, die Oberärzte Dr. Helmut Wagner und Dr. Georg Scharfenberger, keine außergewöhnliche Herausforderung. Nur eine kleine Narbe erinnert Reiner Scherf daran, wie ihm das Leben gerettet wurde.
"Bei Herrn Scherf dauerte der minimal-invasive Eingriff vier Stunden", sagt Chefarzt Christian Sprenger. Er bedauert, dass es keine geregelten Vorsorgeuntersuchungen für Aneurysmen gibt. "Das Heimtückische an dieser Erkrankung ist, dass sie kaum Beschwerden bereitet. Wenn die Ader platzt, bedeutet das aber meist den Tod." Daher sei es wichtig, den Hausarzt auf ein mögliches Risiko anzusprechen. Betroffen sind sechs von hundert Männern ab 60 Jahren. Meist sind sie durch hohen Blutdruck, Diabetes, Übergewicht, Alkohol- und Zigarettenkonsum vorbelastet.
Der neue Nichtraucher Reiner Sterk konnte das Mutterhaus zehn Tage nach der Operation verlassen. Die Umstellung der Ernährung hat er zu Hause fortgeführt. Das genügte, um ohne Diät 27 Kilogramm abzunehmen.
"Schreiben Sie in jedem Fall, dass die Ärzte und Pflegekräfte in der Gefäßchirurgie und der Intensivstation super sind", sagt er, gut gelaunt, beim Gespräch mit dem Trierischen Volksfreund über seine Krankheitsgeschichte und sein Leben. "Vor allem Dr. Wagner war immer für mich da."
In spätestens zwei Monaten wird er ihn wiedersehen. Dann wird in der Klinik die Lage der etwa birnengroßen Prothese kontrolliert. Bis dahin will Rainer Sterk auch wieder besser zu Fuß sein. "Im Augenblick falle ich nach zehn Metern um", sagt der 58-Jährige. Er werde nun gesünder leben und körperlich mehr tun. "Vor allem will ich mich aber wieder mehr um meine Familie kümmern." Das Leben geht weiter.Extra

Jährlich sterben in Deutschland 6000 bis 10 000 Menschen an einer krankhaften Erweiterung (Aneurysma) der Bauchaorta. Betroffen sind vor allem Männern ab 60, die bereits durch hohen Blutdruck, Diabetes, Übergewicht, Zigaretten- oder Alkoholkonsum vorbelastet sind. Während etwa acht von hundert Männer ab diesem Alter betroffen sind, leiden weniger als ein Prozent der Frauen ab 60 an einem Aneurysma der Bauchschlagader. Hauptrisikofaktor ist laut Chefarzt Christian Sprenger Nikotin. 2015 sind im Mutterhaus der Borromäerinnen 65 solcher Aneurysmen operiert worden. Auch im Brüderkrankenhaus in Trier werden gefährliche Schlagader-Erweiterungen im Bauchraum behandelt. Die Experten des Gefäßzentrums dort setzen auf eine neuartige Aortenprothese mit Polymerschaum. Dadurch soll ein noch größerer und langfristiger Therapieerfolg erzielt werden. Ebenfalls Erfahrung in der Behandlung von Erweiterungen der Bauchschlagader hat das Verbundkrankenhaus Wittlich. Auch hier wird die "Knopflochchirurgie" angewendet, die Patienten weitaus weniger belastet als die früher übliche Öffnung der Bauchhöhle. Das Sterblichkeitsrisiko bei der Operation wurde so von 20 auf drei Prozent reduziert. r.n.