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Wenn die Gülle ins Grundwasser sickert

Wenn die Gülle ins Grundwasser sickert

Für Pflanzen ist Nitrat ein wichtiger Dünger, im Wasser hingegen kann der Stoff zur Gefahr werden. Weil das deutsche Grundwasser stark belastet ist, will die EU die Bundesregierung nun mit einer Klage zum Handeln bewegen. Bauern werden sich künftig an andere Regeln halten müssen.

Schon oft hat Herbert Schneider, Fischereibeauftragter des Eifelkreises Bitburg-Prüm, Gewässer gesehen, in denen eben noch Bachneunaugen schwammen. Nachdem Gülle hineingeflossen war, seien die Bäche biologisch tot gewesen. Allein im Eifelkreis habe es dieses Jahr drei solche Gülle-Unglücke gegeben: Aus Biogasanlagen waren große Mengen flüssiger Exkremente ausgelaufen. Doch nicht nur die Anlagen und die dazugehörenden, oft gut gedüngten Maisfelder sieht der Fischereibeauftragte kritisch.

Es stört ihn auch, dass Gülle und Mist aus den Niederlanden importiert werden. Vor dem 15. November, der (noch) das winterliche Düngeverbot einläutet, seien zahlreiche Großtransporte in der Eifel eingetroffen. "Viele Felder sind jetzt schon überdüngt", sagt Schneider. "Wir müssen zusehen, dass unser Grundwasser nicht komplett vor die Hunde geht", findet der Wasserschützer. Und damit ist er nicht alleine.

Die EU-Kommission hat Klage gegen Deutschland eingereicht, weil es seit Jahren zu wenig gegen die Nitratbelastung der Gewässer unternehme. Daher muss die Bundesrepublik sich wohl einem Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) stellen. Zugestellt wurde die Klageschrift am 31. Oktober. Zwei Monate hat die Regierung Zeit, dem EuGH zu antworten. Eine Verurteilung könnte teuer werden: Strafen in sechsstelliger Höhe pro Tag sind möglich. Frankreich wurde bereits verurteilt und muss nun womöglich zwischen einer und drei Milliarden Euro zahlen.

Auch in Rheinland-Pfalz ist das Grundwasser mit Nitrat verunreinigt. Landesweit sind 36 Prozent der Grundwasserkörper (das sind abgrenzbare Wasservorkommen) in einem schlechten Zustand. Die Karte der Region zeigt, dass der Raum Trier stark belastet ist. Betroffen sind die Weinbaugebiete an Saar und Mosel sowie stark landwirtschaftlich geprägte Landstriche wie der Saargau, der Eifelkreis oder die Wittlicher Senke. Umweltstaatssekretär Thomas Griese (Grüne) ist überzeugt, dass es lange dauern wird, das Problem zu lösen. "Wasser hat ein langes Gedächtnis", sagte er am Donnerstag im Landtag, der sich mit dem Thema befasste.

Für die kommunalen Wasserversorger geht es laut Griese auch um Geld, da es einen erheblichen Aufwand bedeute, belastetes Trinkwasser zu reinigen oder mit unbelastetem Wasser zu verschneiden. Eine Methode, die bei Bedarf auch im Bitburger oder Wittlicher Land angewandt wird. Die Wasserwerke tragen so Sorge, dass der Grenzwert von 50 Milligramm Nitrat pro Liter überall weit unterschritten wird.

Kritiker sehen die EU-Klage als Quittung für die Untätigkeit der Bundesregierung, die schon seit Jahren ankündigt, eine strengere Düngeverordnung einzuführen. Laut Bundeslandwirtschaftsministerium soll der Entwurf dem Bundesrat nun im Dezember vorgelegt werden. Nach allem, was bisher bekannt ist, bringt die neue Verordnung folgende Änderungen: Die Zeit, in der Düngen verboten ist, wird ausgeweitet. Äcker dürften dann schon ab dem 1. Oktober nicht mehr gedüngt werden (aktuell 1. November) und Grünland ab dem 1. November (aktuell 15. November).

Zudem müssen Bauern Gülle ab 2020 bodennah ausbringen und exakt berechnen, wie viel Nitrat die Pflanzen wirklich brauchen. Auch verschärfen sich die Anforderungen an die Lagerung von Gülle. Es bleibt zwar dabei, dass maximal 170 Kilo Stickstoff pro Hektar und Jahr ausgebracht werden dürfen. Neu ist, dass Gärreste aus Biogasanlagen einberechnet werden sollen.

Für Landwirte hat dies Folgen: "Es kann sein, dass so mancher Betrieb neue Lager für Gülle braucht und Fruchtfolgen ändern muss", sagt Christa Thiex vom Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum Eifel. Wird Wintergetreide doch erst Mitte Oktober gesät - zu spät, um in Zukunft noch gedüngt werden zu dürfen. Michael Horper, Chef des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau fürchtet, dass die Getreidequalität leiden wird. Zudem hält er es für wenig sinnvoll, die Düngung aufs Frühjahr zu konzentrieren, während der Klimawandel bewirke, dass die Pflanzen auch im Winter wachsen.

"Für die Bauern bedeutet die Novellierung mehr Bürokratie, mehr Einschränkung, mehr Kosten", sagt Norbert Schindler, Präsident der Landwirtschaftskammer. Wie Horper hofft er trotzdem, dass sie möglichst schnell und ohne weitere Verschärfungen beschlossen wird, um den Betrieben Planungssicherheit zu geben.

Für die Winzer haben die neuen Regeln kaum Auswirkungen. "Wir düngen seit Jahren so gut wie keinen Stickstoff", sagt Rolf Haxel aus Cochem, Präsident des Weinbauverbands Mosel. Dass die Nitratwerte an Mosel und Saar erhöht sind, habe auch damit zu tun, dass frühere Winzergenerationen noch reichlich Dünger ausbrachten.

Daran, dass niederländische Exkremente auf heimischen Feldern landen, ändert die neue Verordnung nichts. Dem rheinland-pfälzischen Landwirtschaftsministerium zufolge wurden 2014 rund 92 000 Tonnen Kot, Mist und Gülle aus den Niederlanden importiert. Zum größten Teil handelte es sich um Hühnerkot (42 Prozent), Rindergülle (19 Prozent) und Schweinegülle (18 Prozent).

Während der grüne Umwelt-Staatssekretär Griese im Landtag "unzureichende Kontrollmöglichkeiten" bemängelte, bewertet das inzwischen FDP-geführte Landwirtschaftsministerium den Import positiv für die Bodenfruchtbarkeit, da wegen des geringen Viehbestands in Rheinland-Pfalz wenig organischer Dünger anfalle.

Als Grieses Ministerium noch zuständig war, hatte es 2014 angekündigt, eine neue Landesverordnung zu schaffen, um die Importe besser kontrollieren zu können. Allerdings wollte man abwarten, welche Vorgaben die neue Düngeverordnung bringt. Und mit absoluter Sicherheit kann dies noch immer niemand sagen.Extra

Nitrat ist ein natürlicher Stoff - Pflanzen brauchen ihn für ihr Wachstum. Sie nehmen Nitrat über die Wurzeln auf und bauen daraus Eiweiße auf. Zu viel Nitrat im Boden oder im Wasser kann aber Folgen für Mensch und Natur haben. Der Stoff ist eine chemische Verbindung aus Stickstoff und Sauerstoff. Nitrat selbst ist für den Menschen relativ unbedenklich. Allerdings können Bakterien den Stoff in Nitrit umwandeln. Nitrite können den Sauerstofftransport im Blut blockieren, was bei Säuglingen zu akuten Problemen führen kann. Zudem steht Nitrit im Verdacht, durch Bildung von Nitrosaminen krebserregend zu sein. Ein zu hoher Nitratgehalt in Gewässern kann dazu führen, dass Algen stärker wachsen und andere Pflanzen behindern. Der natürliche Nitratgehalt des Wassers beträgt maximal zehn Milligramm pro Liter. Unter Äckern werden allerdings leicht Werte bis 150 Milligramm/Liter gemessen - ein Dreifaches des Grenzwertes von 50 Milligramm. dpa/Mos