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Wenn die Hautfarbe verdächtig macht

Wenn die Hautfarbe verdächtig macht

Durch den Bürgerrechtler Martin Luther King kam in den USA die Rassismus-Diskussion in Gang und hatte Konsequenzen. Doch im Alltag lebt das Phänomen weiter - wenn auch in veränderter Form.

Washington/New York. Die drei farbigen Jugendlichen, die im halbdunklen Eingang zu den "Wagner Houses" stehen, glauben sich unbeobachtet. Hier, in dem gewaltigen Sozialwohnungskomplex im New Yorker Stadtteil East Harlem blühen der Drogenhandel und andere Kriminalitätsformen. Touristen wagen sich nicht in diese Gegend. Und wer hier leben muss, verbarrikadiert sich hinter Dreifach-Schlössern.
Das Trio sieht erst im letzten Moment, wie zwei Streifenwagen vorfahren. Die vier Polizisten, zwei Weiße und zwei Schwarze, tasten die Teenager ab - und finden weder Waffen noch illegales Material. Eine Aktion, die in New York zur täglich praktizierten "Stop and frisk"-Taktik zählt - Verdächtige anhalten und durchsuchen. Doch dieses Vorgehen beschäftigt mittlerweile auch die Juristen, eine Bundesrichterin ordnete kürzlich an: Ein unabhängiger Beobachter müsse von nun an sicherstellen, dass Minderheiten hierbei nicht benachteiligt würden.
Was die Polizeiführung angesichts der Verbrechensstatistik - der Großteil der Straftaten wird in New York statistisch gesehen von Schwarzen an Schwarzen verübt - als sinnvolle Vorbeugung ansieht, betrachten Kritiker als puren Rassismus. 50 Jahre nach der historischen "I have a dream"-Rede des farbigen US-Bürgerrechtlers Martin Luther King ist die derzeitige Debatte über "frisk and search" eines der besten und aktuellsten Indizien dafür, wie das Thema Rassentrennung weiter die amerikanische Gesellschaft beschäftigt - und gelegentlich spaltet.Enorme Fortschritte


Dass die Weltmacht seit der King-Rede enorme Fortschritte bei der Behandlung seiner Minderheiten gemacht hat, ist nicht von der Hand zu weisen. Die Wahl von Barack Obama zum ersten farbigen Präsidenten im November 2008 und eine Wiederwahl belegen wie keine andere Entwicklung, dass viele der einst als unüberwindbar geltenden Schranken nicht mehr existieren und die Chancen grenzenlos sind. Zu diesem Trend hat auch "affirmative action" beigetragen. Jene Gesetzgebung, die Hochschulen eine Zulassungsquote erlaubt, bei der Qualifikation hintangestellt und Bewerber gemäß ihrer Hautfarbe bevorzugt werden können. Gerne erwähnt wird bei der Frage, wie tief der dennoch weiter existierende Rassismus in der Gesellschaft verwurzelt ist, auch der Fall des von einem weißen Amateur-Cop erschossenen schwarzen Teenagers Trayvon Martin. Doch nur wer die Details des Verfahrens nicht kannte oder bewusst nicht beachtete, konnte aus diesem Fall eine rassistische Komponente ableiten. In der Anklageschrift ging es niemals um derartige Motive, sondern ein von Kritikern als viel zu weitreichend betrachtetes Recht auf Selbstverteidigung.
Nichts desto trotz hat der Prozess die Rassismus-Debatte erneut belebt. Schwarze in den USA - sie machen gut 14 Prozent der Gesamtbevölkerung aus - weisen überwiegend eine schlechte Schulbildung, hohe Arbeitslosigkeit, schlechte Gesundheitsversorgung und unterdurchschnittliches Einkommen wie auch Wohnverhältnisse auf. Sie haben es schwerer als Weiße, Hypotheken-Darlehen zu bekommen, und nur 45 Prozent von ihnen besitzen ein Haus oder eine Wohnung. Eine landesweite Statistik zeigt zudem: 73 Prozent aller Verkehrsstopps betreffen Schwarze, obwohl sie nur 15 Prozent aller Fahrer ausmachen.
Und auch die Verfolgung durch radikale Organisationen ist noch nicht ausgerottet: Das "Southern Poverty Law Center", eine etablierte Bürgerrechtsorganisation, kennt derzeit 1007 Hass-Gruppen in den USA, unter anderem Neonazis und Nachfolger der Ku-Klux-Klan-Bewegung.
Aber es gibt auch den anderen Rassismus, der - weil politisch nicht korrekt - nur ungern thematisiert wird: Während sich Schwarze heute weitgehend problemlos in vorwiegend von Weißen bevölkerten Vierteln bewegen können, bringt eine umgekehrte Konstellation ein enormes Risiko mit sich - sei es in der New Yorker Bronx oder Teilen Harlems, dem Süden Chicagos oder in Elendsvierteln der Coca-Cola-Metropole Atlanta. Weiße werden dort allein aufgrund ihrer Hautfarbe gerne mit dem Begriff "cracker" beschimpft - ein Wort, das eine ähnlich herabsetzende Qualität wie das heute gesellschaftlich geächtete "nigger" besitzt.US-Umfrage: Mehr Toleranz


Doch wie intolerant sind die US-Bürger heute wirklich, was andere Rassen angeht? Eine von der Washington Post im Juni veröffentlichte globale Studie der World Value-Organisation zeigt: Die intolerantesten Nationen sind Jordanien und Indien, wo sich 51 Prozent (Jordanien) und 43 Prozent (Indien) der Bürger weigern würden, neben Nachbarn anderer Rassenzugehörigkeit zu leben. Unter den tolerantesten Nationen: Deutschland, Großbritannien (je rund fünf Prozent) und die USA. Dort hätten heute nur 3,4 Prozent Bedenken, neben einem Menschen anderer Hautfarbe zu leben. Ein Wert, von dem Martin Luther King nur träumen konnte.