Wenn Eltern zu Verbrechern werden

Immer wieder machen Kindesmisshandlungen in der Region Schlagzeilen. Auch die Zahlen der Jugendämter zeigen, dass die Gewalt gegen Kinder in ihren eigenen Familien zunimmt.

Trier. Einen Monat lang ging das Martyrium der kleinen Anne-Line. Das erst eine Woche alte Baby aus einem Moselort wurde brutal von seinem Vater gequält. Er hat seiner Tochter Rippen, Arme und Beine gebrochen und ihr schließlich heiße Milch über das kleine Köpfchen gegossen. Dem gefühllosen Vater war es egal, ob seine Tochter stirbt. Schwer verletzt hat das Baby überlebt. Nach Ansicht von Medizinern grenzte das schon an ein Wunder.

Nachdem der damals 32-Jährige die sadistischen Quälereien zugegeben hatte, wurde er vor einem Jahr vom Trierer Landgericht zu einer neunjährigen Haftstrafe verurteilt.

Immer wieder muss sich das Gericht mit Kindesmisshandlungen beschäftigen. Oft sind es die eigenen Eltern, die ihr Kind schwer verletzen oder sogar umbringen. Selten aus Sadismus, weil sie ihr Kind quälen wollen, häufig aus Überforderung oder Unwissenheit.

Wie etwa ein Vater aus Bitburg. Vor zweieinhalb Jahren hatte der damals 32-Jährige seiner vier Jahre alten Tochter acht Rippen und beide Unterarme gebrochen, weil er das Baby angeblich nach einem Atemstillstand reanimieren wollte. Ärzte stellten später bei dem lebensgefährlich verletzten Mädchen ein schweres Schütteltrauma fest. Mehr als 30 Mal muss das Köpfchen der kleinen Juana hin und hergeworfen worden sein, heißt es in dem vor Gericht vorgetragenen Gutachten. Der Vater sei mit dem Baby völlig überfordert gewesen, sagte sein Anwalt bei dem Prozess vor dem Trierer Landgericht im Sommer 2008. Der Fall sorgte für Schlagzeilen, weil das Kind, nachdem es im Krankenhaus behandelt worden war, vom Bitburg-Prümer Jugendamt der damals 19-jährigen Mutter zunächst weggenommen und in eine Pflegefamilie gegeben wurde. Erst nachdem klar war, dass die junge Frau nichts mit den Misshandlungen zu tun hatte, durfte sie ihr Baby wieder in die Arme schließen. Der Vater wurde zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Mehr Verdachtsfälle werden gemeldet



Immer öfter müssen die Jugendämter der Region eingreifen, um bedrohte Kinder vor ihren eigenen Eltern zu schützen. In ganz gravierenden Fällen werden die Kinder dann von den zuständigen Behörden aus den Familien genommen und zu Pflegefamilien oder in Heime gebracht. 27 solcher Inobhutnahmen gab es im Kreis Trier-Saarburg in diesem Jahr bereits. Das sind bereits jetzt mehr Fälle als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres, als 24 Inobhutnahmen aus Trier-Saarburg gemeldet wurden. Im gesamten Jahr 2008 waren es 16. Nicht nur dort sind die Zahlen der sogenannten Erziehungshilfen gestiegen. Im Kreis Bernkastel-Wittlich ist die Zahl der Kinder, denen das Jugendamt hilft, zwischen 2006 und 2009 von 318 auf 530 gestiegen, in Trier-Saarburg sind es 683 Kinder und Jugendliche. Mehr als 40 Kinder wurden dort 2009 in Obhut genommen. In Trier waren es im vergangenen Jahr 20. Grund für die Zunahme der Fälle: Die Leute sind sensibler geworden, melden schneller Verdachtsfälle. Bevor es zu Missbrauch kommt, können die Jugendämter aktiv werden.

Das zeigt sich auch in der Statistik des Trierer Polizeipräsidiums. Die Zahl der Ermittlungen wegen Kindesmisshandlung ist 2009 auf 47 zurückgegangen - von 70 im Jahr 2008. Die Aufklärungsquote liegt bei 97,9 Prozent.

In den vergangenen Jahren kam es in der Region immer wieder zu schweren Fällen von Kindesmisshandlungen. Im Februar 2007 hatte eine 26-Jährige aus Morbach (Bernkastel-Wittlich) ihren viereinhalb Monate alten Sohn in der Badewanne ertränkt. Das Trierer Landgericht verurteilte sie zu neun Jahren Haft. Im Dezember 2005 schüttelte eine 28-Jährige aus Nittel (Trier-Saarburg) ihren zwei Monate alten Sohn so stark, dass das Baby starb. Sie musste für fünf Jahre ins Gefängnis. 13 Jahre Haft lautete 2006 das Urteil gegen eine 32-jährige Kamerunerin. Sie hatte in Lissendorf (Vulkaneifelkreis) die zweieinhalbjährige Tochter einer Freundin misshandelt. Das Mädchen starb. Extra Die Bundesregierung strebt strengere gesetzliche Auflagen für Jugendämter an. Damit soll der Kinderschutz in Vormundschaftsfällen verbessert werden. Nach Medienberichten sollen die Fallzahlen in der Amtsvormundschaft auf 50 Vormundschaften je Mitarbeiter begrenzt werden. Dies sehe ein Gesetzentwurf von Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger vor, der heute im Bundeskabinett beraten wird. Der Vormund solle seine Mündel in der Regel einmal im Monat in deren üblicher Umgebung aufsuchen, heiße es in dem Entwurf. In der Praxis muss ein Amtsvormund derzeit oft bis zu 120 Kinder im Blick haben.

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