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Wenn mit Mutter was nicht stimmt

Wenn mit Mutter was nicht stimmt

TRIER. Erkrankt die Mutter oder der Vater psychisch, gerät das ganze Familienleben aus dem Lot. Eine 38-Jährige versucht, ihre Kankheit, den Alltag und die Familie miteinander zu verbinden.

Sie wollte zu viel von sich. Jeden Tag arbeitete Elke Wagner (alle Namen geändert) vierzehn Stunden und saß bis spät in die Nacht an ihren Heimarbeitsaufträgen - immer gehetzt von dem Gedanken, viel leisten zu müssen und zu können. Bis schließlich ihre Seele die Notbremse zog. Die 30-Jährige wurde depressiv, zog sich ganz zurück, unternahm Selbstmordversuche. Elke Wagner hat seit acht Jahren eine depressive Persönlichkeitsstörung. Die Hälfte des Jahres ist die Mutter von drei Kindern seitdem im Krankenhaus. Während dieser Zeit fällt sie als Elternteil ganz aus. Wenn Elke Wagner jedoch zu Hause ist, frühstücken die Wagners morgens zusammen. Dann gehen die Teenager Lisa, Dominik und Sven in die Schule, der Vater zur Arbeit und die Mutter in eine Tagesstätte für psychisch Kranke. Auf diese Weise hat Elke Wagner eine für psychisch Kranke besonders wichtige geregelte Tagesstruktur. Dort kocht sie mit anderen Betroffenen, geht einkaufen oder schwimmen und ist ab 16 Uhr wieder für ihre Familie da. Die Kinder müssen viel im Haushalt mit anpacken: spülen, putzen oder Einkäufe wegräumen. Deswegen macht sich Elke Wagner oftVorwürfe. Wenn seine Mutter wieder einen Krankheitsschub bekommt und ihr Verhalten plötzlich anders wird, denkt Dominik stets, sein eigenes Verhalten wäre Schuld. Typisch für Kinder psychisch kranker Eltern sei, dass sie sich anstrengten, sich "richtig" zu verhalten, erklärt die Trierer Diplom-Sozialarbeiterin und Gestalttherapeutin Gabriela Apel. Dominik besucht alle zwei Wochen die "Auryn"-Gruppe im Mutterhaus. Dort betreut Gabriela Apel zusammen mit ihrer Kollegin Verena Amend ehrenamtlich Kinder psychisch kranker Eltern. Neben Freizeitaktivitäten kann Dominik hier seine Schuldgefühle abbauen. Er wird kindgerecht über die Krankheit informiert und merkt, dass auch andere Kinder psychisch kranke Eltern haben. Auch den jüngsten Sohn Sven belastet, dass er immer wieder den unerwarteten Abbruch der Beziehung zur Mutter erlebt hat, wenn diese erneut akut erkrankte und ihn allein lassen musste. Mit ihrem Mann Roman redet Elke Wagner nicht über ihre Erkrankung und die Belastungen für die Familie. "Ich habe Angst, dass er mich nicht versteht", meint sie. Roman Wagner flüchtet sich, wann immer es geht, in sein Hobby, ehrenamtliche soziale Arbeit. Durch ihre Suizidversuche sei "viel kaputt gegangen in der Beziehung", sagt die 38-Jährige. Auch zwischen den Kindern und dem Vater ist das Verhalten der Mutter und die Krankheit als Thema immer noch Tabu. Trotz der Gefahr der Stigmatisierung ihrer Familie wagte Elke Wagner den Schritt, einem Lehrer ihrer Kinder von der Krankheit zu erzählen. So versteht er nun, wenn sie unkonzentriert sind, weil sie mit ihren Gedanken bei der Familie sind oder wenn sie ohne Hausaufgaben in die Schule kommen. Freunde mit nach Hause zu bringen, trauen sich die Wagner-Kinder nur selten. Zu groß ist die Gefahr, dass die Mutter durch jede Kleinigkeit aus der Haut fährt. "Wenn zu viele Eindrücke auf mich einwirken und die Kinder lärmen und toben, fühle mich überfordert und bin unausgeglichen, gereizt und aggressiv." Doch obwohl ihr die Familie oft Kraft entzieht, bekommt sie auch etwas zurück. "Meine Familie gibt mir Stärke. Mit ihr kann ich mich ins Leben zurückrufen, denn ich habe ja schließlich Verantwortung. Ohne meine Familie wäre ich wohl nicht mehr da." Kontakt: Auryn-Gruppe, Gabriela Apel, Telefon 0651/43387.