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Wettlauf um Aufträge aus einem geschundenen Land

Wettlauf um Aufträge aus einem geschundenen Land

Viele wussten Bescheid, und trotzdem drang nichts nach außen: Zusammen mit einer neunköpfigen Wirtschaftsdelegation und einigen Bundestagsabgeordneten traf Außenminister Frank-Walter Steinmeier gestern früh in der irakischen Hauptstadt Bagdad ein. Es war die erste Visite eines deutschen Außenministers seit 22 Jahren.

Berlin/Bagdad. Der Überraschungsbesuch soll den Auftakt für ein neues Verhältnis zwischen beiden Ländern geben. Deutschland, das den Irak-Krieg strikt ablehnte, will sich aktiv am Wiederaufbau beteiligen. Iraks Außenminister Hoschiar Sebari sprach von einer "Wiederbelebung der eingeschlafenen Beziehungen".

Ganz so eingeschlafen waren sie freilich nicht. Berlin hatte stets Kontakt zur Regierung um Ministerpräsident Nuri al-Maliki gehalten, wohl wissend, dass der Irak mit seinem Öl-Reichtum dereinst noch wichtig werden könnte. Vergangenen Sommer hatte Wirtschaftsminister Michael Glos in Bagdad vorgefühlt und mögliche Kooperationsfelder abgesteckt. Bei al-Malikis Gegenbesuch wenig später in Berlin wurde das weiter konkretisiert. Mit der Ankündigung Barack Obamas, die amerikanischen Truppen bis 2010 weitgehend abzuziehen, scheint der Zeitpunkt gekommen, den Worten Taten folgen zu lassen. Freilich hat gleich ein kleines Wettrennen eingesetzt. Vor einer Woche war Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy bereits nach Bagdad gereist und hatte große französische Investitionen angekündigt. Maliki stachelte die Deutschen an, es den Franzosen gleich zu tun.

Steinmeier eröffnete gestern ein "Servicebüro Wirtschaft Bagdad", das in der abgesicherten internationalen Zone liegt. Es soll Kontakte zwischen deutschen Unternehmen und irakischen Auftraggebern herstellen. Vor allem in der Infrastruktur, vom Straßenbau bis zur Medizintechnik, sieht Berlin große Chancen für Aufträge. Zur Delegation Steinmeiers gehörten Vertreter von Siemens und von Daimler - das Unternehmen will im Irak Lastwagen bauen. Das zweite Standbein sind Bildung und Kultur. Steinmeier gab den Startschuss für eine deutsch-irakische Universität; der mitreisende Präsident des Deutschen Akademischen Austausch-Dienstes verabredete die Ausweitung von Studienaufenthalten irakischer Studenten in Deutschland. Bisher kamen rund 100 pro Jahr in die Bundesrepublik. Außerdem hilft Berlin weiter bei der Ausbildung der Polizei und der Armee sowie beim Aufbau zivilrechtlicher Strukturen. So sollen deutsche Experten die Regierung bei der Gebietsreform beraten.

Steinmeier lobte, der Irak habe wichtige Erfolge bei der Stabilisierung erreicht. Differenzen gibt es offenbar noch bei der Beurteilung der aktuellen Sicherheitslage. Während Maliki betonte, deutsche Unternehmen müssten "wirklich nicht" um das Leben ihrer Mitarbeiter fürchten, das sei "das alte Bild vom Irak", hält das Auswärtige Amt an seinen dringenden Reisewarnungen fest.