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Wie Lehrer in knallhartem Unterricht motivieren lernen

Wie Lehrer in knallhartem Unterricht motivieren lernen

Lehrer und Schüler leiden gleichermaßen unter Stress. Die Schule macht zu wenig Spaß und zu viel Angst, sagt die Trierer Professorin Michaela Brohm. In Konz wird wissenschaftlich getestet, ob und wie man das ändern kann.

Trier/Konz. Seit vielen Jahren beobachtet Pädagogik-Professorin Michaela Brohm ein Phänomen: Einerseits attestieren Lehrer und Eltern vielen Kindern und Jugendlichen, es falle ihnen in der Schule immer schwerer, länger als ein paar Minuten konzentriert und zielgerichtet bei ein und derselben Sache zu bleiben. Andererseits sitzen die gleichen Kinder und Jugendlichen stundenlang hoch konzentriert, aufmerksam und geduldig an einem Computerspiel und versuchen in unermüdlicher Kleinarbeit, ein selbst gesetztes Ziel zu erreichen. Der logische Schluss der Wissenschaftlerin wird manchen provozieren: Sie will, dass die Schule vom Computerspiel lernt. Das Erfolgsrezept der Games besteht nach ihrer Erkenntnis aus drei Faktoren: Erstens gibt es auf die "Leistung" des Spielers eine unmittelbare Rückmeldung, die ihn bei der Stange hält. Zweitens sorgt der Aufbau in "Level"-Stufen dafür, dass der Jugendliche einerseits eine Herausforderung erlebt, andererseits aber keine Überforderung. Er kann sich allmählich voranarbeiten. Und drittens findet am Computer eine unmittelbare Verschmelzung statt mit dem, was man tut.Fehler und Leistung


Das ist in der Schule anders. Dort steht nach Brohms Erkenntnissen nicht die Leistung im Blickpunkt, sondern der Fehler. Zu vieles ist angstbesetzt oder mit negativen Gefühlen gekoppelt. Das sorgt für Stress, und zwar bei Schülern und Lehrern gleichermaßen. Die Symptome äußern sich unterschiedlich: Burn-out und Frust bei den Lehrern, Disziplinschwierigkeiten und Verhaltensprobleme bei den Schülern. Es gibt aber auch Parallelen, wie die auf beiden Seiten bedenklich wachsende Tendenz zu depressiven Erkrankungen.
Glaubt man Michaela Brohm, dann ist die Antwort auf das Problem weniger der Ruf nach strukturellen Veränderungen im Bildungssystem als das Erlernen der richtigen Motivationstechniken. Und genau da setzt das Konzer Projekt "Motivation lernen" an.
Mit dem bundesweit profilierten Lehrer-Fortbildungsspezialisten Wolfgang Endres fällt nächste Woche der Startschuss für eine Trainingseinheit, an der 150 Lehrer von Schulen in der Verbandsgemeinde Konz teilnehmen. "Das wird ein knallharter Unterricht für die Lehrer", kündigt der Direktor des Konzer Gymnasiums, Paul Weirich, an. Den Lehrern soll das Rüstzeug für eine Art "positiver Pädagogik" vermittelt werden. "Wir sind in der Schule einfach zu defizitorientiert", analysiert selbstkritisch der langjährige Lehrer Bernhard Herbrand, der heute bei der Schulaufsicht ADD arbeitet. Den Schülern werden oft eher Grenzen aufgezeigt als Perspektiven. "Wenn das richtige Werkzeug fehlt, erreicht man die Kinder nicht", ergänzt Thomas Kürwitz, Leiter der Grundschule St. Johann in Konz-Karthaus.
Dass die Konzer Schulen nun mit dem nötigen Werkzeug ausgestattet werden, hat mit der langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem Lehrstuhl für Lehr-Lern-Forschung an der Uni Trier und der Konzer-Doktor-Bürgerstiftung zu tun. Professorin Brohm hat in den vergangenen Jahren das Konzer Lernpaten-Projekt wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Das jetzige Vorhaben ist eine Nummer größer und liefert sogar den Rahmen für eine Doktorarbeit.
Die Konzer Doktoren wiederum haben den Kontakt zu den Schulen hergestellt. "Die Stiftung hat sich in den letzten Jahren viel Vertrauen an den Schulen erarbeitet", sagt Bürgermeister Karl-Heinz Frieden. Nur so sei auch die hohe Mitwirkungsbereitschaft der Lehrer zu erklären.Revolution aus Konz?


Ob sich die Motivationsschulung für die Lehrer letztlich bei den Schülern auswirkt: Das wird akribisch wissenschaftlich ausgewertet. Zum ersten Mal in Deutschland, vermutet die Professorin. Und wer weiß: Wenn das Ergebnis im nächsten Herbst auf dem Tisch liegt, vielleicht geht dann von Konz tatsächlich eine Revolution im deutschen Bildungswesen aus.