1. Nachrichten
  2. Themen des Tages

Wie regionale Politiker die deutsche Einheit einschätzen

Wie regionale Politiker die deutsche Einheit einschätzen

Droht nach der Bundestagswahl eine neue Ost-West-Spaltung? Ministerpräsidentin Malu Dreyer kämpft gegen ein solches Denken an.

Trier/Mainz Als der eiserne Vorhang fiel, saß Katrin Werner auf einem Sofa in Parsewalk, einer Armeesiedlung in Mecklenburg-Vorpommern. 16 Jahre war Werner da jung. Bei einem Besuch in Berlin lernte sie wenige Wochen später, was für ein weiter Weg es zur Einheit wirklich ist. Im Supermarkt habe es von älteren Frauen geheißen: "Erst kriegen sie 100 Mark Begrüßungsgeld geschenkt, nun klauen sie wie die Raben." Das habe ihr weh getan. Inzwischen ist Werner in den alten Bundesländern angekommen. Sie lebt in Trier, sitzt für die Linke im Bundestag - und sorgt sich doch um den Zustand der deutschen Einheit. Besonders nach dem AfD-Ergebnis im Osten, wo Männer mehrheitlich die Rechtspopulisten wählten. "Das trifft mich auch als Ossi", sagt Werner und spricht von einem "richtig großen Denkzettel". In den Schulen müsse mehr darauf hingearbeitet werden, zu diskutieren, zu hinterfragen, um Fremdenfeindlichkeit zu bekämpfen. Politik habe manche verwahrlosten Gebiete völlig allein gelassen, kritisiert sie und warnt: "Wenn wir den Aufschrei nicht ernst nehmen, haben wir mehr denn je zwei Seiten." AfD-Politiker Jens Ahnemüller aus Konz, der als DDR-Bürger über die Prager Botschaft in den Westen floh, glaubt hingegen nicht an die Gefahr einer Ost-West-Spaltung. Seine These: Die DDR-Demonstrationen von 1989 hätten Bürgern gezeigt, dass sie selbst politische Veränderungen bewirken könnten. Der Mainzer Politikforscher Kai Arzheimer wiederum sieht schon eine geringere Parteibindung und auch höhere Fremdenfeindlichkeit im Osten.
Geht es ums Geld, widerspricht das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung der Meinung, der Osten werde abgehängt. Regionalexperte Karl Brenke stellt eher eine Angleichung fest. Die Arbeitslosenquote sei in den ostdeutschen Ländern von 2003 bis 2016 von 18,5 Prozent auf 8,5 Prozent gesunken, im Westen von 8,4 auf 5,6. Unterschiede gibt es nach wie vor beim Einkommen. Laut DIW verdiente ein Arbeiter im Osten nur 80 Prozent eines westlichen Bruttolohns. Ministerpräsidentin Malu Dreyer warnt davor, von einer Spaltung zwischen Ost und West zu reden. Eine Trennung bestehe eher zwischen denen, "die vom Wohlstand in der Gesellschaft profitieren, und denen, die Abstiegsängste haben, die am Ende des Monats oft nicht wissen, ob das Geld reicht, die keine Aussicht auf feste Jobs oder gute Renten haben", sagt die Triererin. Ein echter Beitrag zum inneren Zusammenhalt, so findet sie, sei es, diesen Menschen wieder Vertrauen zu geben. Worte, die die Bundesratspräsidentin auch in Mainz an Deutschland richten dürfte. Am Tag der Deutschen Einheit.Extra: SO FEIERT MAINZ DEN TAG DER DEUTSCHEN EINHEIT


(flor) Die Einheitsfeier in Mainz startet am Montag, 2. Oktober, mit einem Bürgerfest. 16 Bundesländer stellen sich vor, auf mehreren Bühnen singen Musiker wie Tim Bendzko, Culcha Candela und die Ost-Band Karat. Am 3. Oktober gibt es einen Gottesdienst im Mainzer Dom, an dem Kanzlerin Angela Merkel und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier teilnehmen. Danach ist noch ein offizieller Festakt. Alle Infos zu Programm und Anfahrt: <%LINK auto="true" href="http://www.rlp.de/fr/unser-land/tag-der-deutschen-einheit" text="www.rlp.de/fr/unser-land/tag-der-deutschen-einheit" class="more"%>