"Wir alle sind Deutschland"

Deutschlands Muslime ergreifen die Initiative, und viele andere Menschen folgen ihrem Beispiel und Aufruf: Das Brandenburger Tor wird am Dienstagabend Schauplatz einer beeindruckenden Kundgebung aller Religionen gegen den islamistischen Terror.

Berlin. Ist das schon die Islamisierung des Abendlandes? Vor dem Brandenburger Tor singt ein Iman Koranverse, man sieht Frauen mit Kopftuch. Aber wieso gibt es dann Fahnen Israels im Publikum und Bischöfe auf der Bühne? Das deutsche Nationalsymbol erlebt den dritten Demonstrationstag in Folge. Das Land ist aufgewühlt - wie seit den Anschlägen von Paris ganz Europa, wie fast die ganze Welt. Jetzt findet hier eine Veranstaltung statt, die alle eint. Vor allem alle Religionen. Auf einem Plakat, das ein Bürger trägt, steht: "Ich bin Jude. Ich bin Christ. Ich bin Moslem. Ich bin Charlie".

Und dann: "Wer einen Menschen tötet, der tötet die ganze Menschheit". Das ist der Geist dieser Kundgebung. Man sieht die Losung "Gesicht zeigen. Nicht einschüchtern lassen". Damit ist auch die Pegida-Bewegung gemeint.
Die Mahnwache von Berlin ist eine kleine, aber bewegende Veranstaltung an dem Tag, da in Jerusalem die jüdischen Opfer beerdigt werden und Frankreich der ermordeten Polizisten gedenkt. Kanzlerin Angela Merkel, Bundespräsident Joachim Gauck und Vizekanzler Sigmar Gabriel sitzen vorne, fast alle Minister und viele Mitglieder des Bundestages sind gekommen. Der frühere Bundespräsident Christian Wulff steht unübersehbar in der ersten Reihe. Sein Satz "Der Islam gehört zu Deutschland" ist jetzt wieder in aller Munde. Auch in dem der Kanzlerin.
Aber ein Staatsakt ist dies nicht. Sondern eine Initiative der Muslime in Deutschland. Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman Mazyek, begrüßt die Gäste. "Salam Aleikum", sagt er - und rund 10 000 Zuhörer klatschen. Dass die Muslime selbst zum Protest gegen die Attentäter von Paris und zur Solidarität mit ihren Opfern aufgerufen haben, ist ein ganz wichtiges Signal, hat Angela Merkel kurz zuvor schon festgestellt. Vor dem Brandenburger Tor lobt auch Bundespräsident Joachim Gauck Mazyek dafür. "Das ist ein patriotisches Ja zu dem Land, in dem wir gemeinsam leben - zu unserem Land".
Viele Muslime sind im Publikum. Büsra ist 17 Jahre alt. Sie trägt ein blaues Kopftuch. Für die Berlinerin, die in Wuppertal geboren ist, ist es "sehr wichtig", am Brandenburger Tor zu stehen. Die Mahnwache zeige, "dass Muslime mit den radikalen Morden nichts zu tun haben."
So sieht das auch Fenzi Gu, der seit 30 Jahren in Berlin lebt. "Jeder von uns kann doch von derselben Luft leben." Der Berliner Resa Memarn weiß, was er einem Terroristen sagen würde, wenn er ihm gegenüber stünde: "Ihr habt keine Chance. Die Freiheit gewinnt immer." Das sagt auch Mayzek in seiner Rede "Die Terroristen werden nicht siegen". Mazyeks Ansprache ist bemerkenswert. Er sagt, zur Freiheit gehöre auch das Recht von Journalisten "Wort und Bild sprechen zu lassen". Also auch Mohammed-Karikaturen. Er sagt, dass die Terroristen die Prinzipien des Islam verraten und in den Schmutz gezogen hätten. Er spricht von der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.
Die Religionsvertreter reden nacheinander. Ihre Botschaften sind fast gleich. "Es eint uns der Wille, uns nicht gegeneinander aufhetzen zu lassen", sagt der katholische Weihbischof Matthias Heinrich. "Wir sagen gemeinsam Nein zu jeder Gewalt im Namen des Glaubens", formuliert der evangelische Bischof Markus Dröge. Die Rede Abraham Lehrers vom Zentralrat der Juden ist schwieriger für die muslimischen Veranstalter. Die Juden erlebten nicht nur in Paris, sondern auch in Deutschland einen wachsenden neuen Antisemitismus aus den Kreisen vor allem junger Muslime und seien zunehmend verunsichert, sagt Lehrer. Es sei die Verantwortung der Muslime selbst, die radikalisierte Auslegung ihres Glaubens zurückzudrängen.
Die Kundgebung endet mit einem Bild der Harmonie. "Wir alle sind Deutschland", sagt Mazyek. Wie auch Gauck. Es ist der Satz des Tages. Alle haken sich unter, der Moslem, der Christ, der Jude. Merkel und Gabriel, Wulff und Innenminister de Maiziere, viele im Publikum. "So wie wir heute zusammenstehen", ruft der Präsident aus, "so wünsche ich mir die gesamte Gesellschaft". Vor der französischen Botschaft liegt ein Blumenmeer. Das Tor leuchtet in den Farben der Trikolore.Extra

Das Bundeskriminalamt (BKA) sieht Deutschland nach den Terroranschlägen von Islamisten in Frankreich als "Teil eines konkreten Gefahrenraums". Es gebe aber zurzeit keine Hinweise auf konkrete Anschlagspläne, sagte eine Sprecherin gestern in Wiesbaden. Zu Berichten über ein internes BKA-Papier zur Gefahrenlage äußerte sie sich nicht. Nach Informationen der Zeitung Die Welt warnt das BKA in dem 25-seitigen Papier vor Nachahmungstätern in Deutschland. Radikale Islamisten hätten im Internet Sympathie für die Anschläge in Frankreich bekundet. Auch von direkten Aufrufen zu Anschlägen sei die Rede. dpa

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