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"Wir arbeiten nicht zu chinesischen Löhnen"

"Wir arbeiten nicht zu chinesischen Löhnen"

TRIER. Dieses Jahr auf der Grünen Woche in Berlin: Die Bauern applaudieren, da hat der neue Landwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) noch gar nichts gesagt. Im Jahr davor gab’s an gleicher Stelle Pfiffe für Seehofers Vorgängerin Renate Künast (Grüne). Warum die Landwirte so froh sind mit der großen Koalition, aber auch ein wenig skeptisch, sagt Bauernpräsident Gerd Sonnleitner im TV-Interview.

Herr Sonnleitner, Sie sind heute in Heidweiler im Kreis Bernkastel-Wittlich. Ihr erster Besuch in der Region Trier?Sonnleitner: Nein, ich war schon öfter hier in der Region. Durch meine Diskussionen bei Kreisbauerntagen komme ich regelmäßig in alle Regionen Deutschlands. Der Bauernverband hat Beifall geklatscht, als die grüne Agrarministerin Renate Künast durch CSU-Mann Seehofer abgelöst wurde. Inwieweit haben sich Ihre Vorschusslorbeeren ausgezahlt?Sonnleitner: Wir haben nicht öffentlich Beifall geklatscht, wir akzeptieren jede vom Volk gewählte Regierung. Die Zusammenarbeit mit Minister Seehofer ist jedoch anders, da herrscht ein anderer Geist als unter Rot-Grün. Für Minister Seehofer ist Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft ein bedeutender Sektor der deutschen Volkswirtschaft. Immerhin sind 4,3 Millionen Menschen in dieser Branche beschäftigt. Von Umsatz, Investitionen und Innovationen liegen wir auf Augenhöhe mit der Automobilwirtschaft. "Die Landwirtschaft ist eine Zukunftsbranche"

Trotz Ihrer Freude über Schwarz-Rot haben Sie sich unlängst skeptisch über die Ankündigung der Kanzlerin geäußert, Bürokratie abbauen zu wollen. Genau das fordert aber auch der Bauernverband in einer aktuellen Kampagne. Warum sind Sie so skeptisch?Sonnleitner: Bis jetzt haben alle Politiker, die von Bürokratieabbau gesprochen haben, am Ende der Legislaturperiode den Bürokratismus erheblich erhöht und verstärkt. Deshalb haben wir auch vorgeschlagen, dass in allen Ausschüssen und Gremien diejenigen nicht sitzen dürfen, die diese Bürokratie so aufgebläht haben. Da gehören die Praktiker hinein, die mit den Vorschriften und Gesetzen leben müssen, also Wirtschaft, Bauern und Verbraucher. Ist die Bürokratie, unter der die Bauern stöhnen, nicht zwangsläufig angesichts der unzähligen Subventionstöpfe, die das Einkommen der Landwirte sichern?Sonnleitner: Das sind keine Subventionen, sondern berechtigte Ausgleichszahlungen für eine Vielzahl zu erbringender Leistungen. Kein Zweifel, dass sich die Bauern auch an die bestehenden Gesetze halten müssen. Doch lähmt überbordende Bürokratie jedes unternehmerische Unterfangen, wenn etwa ein Stallneubau in Deutschland über zwei Jahre dauert, in Dänemark dagegen nur ein halbes Jahr. Die Bundesregierung plant, in diesem Jahr zehn Prozent der benötigten und bis dato aus dem Ausland kommenden 285 000 Erntehelfer durch deutsche Arbeitslose zu ersetzen. Warum meckert da der Bauernverband?Sonnleitner: Jeder deutsche Arbeitslose ist uns willkommen, wenn er zuverlässig und leistungsbereit ist. Deshalb arbeiten wir auch mit der Agentur für Arbeit zusammen. Leider erhalten wir die notwendigen deutschen Arbeitskräfte nur begrenzt. In den Sonderkulturbetrieben entsteht dadurch großer Schaden, wenn etwa Spargel, Salat, Erdbeeren oder Wein nicht rechtzeitig geerntet werden können. Unter dem Strich gibt es nur Verlierer: Der Bauer hat dadurch Einnahmeausfälle, und der Verbraucher muss höhere Preise zahlen, weil die nachgefragte Menge nicht verfügbar ist. Die EU hat den Agrarhaushalt bis 2013 festgeschrieben. Danach gibt es auf jeden Fall Einschnitte. Werden die deutschen Bauern eines Tages ohne Subventionen bestehen können?Sonnleitner: Noch einmal: Wir bekommen keine Subventionen, sondern Leistungs- oder Ausgleichszahlungen für die hohen Standards, die wir in Europa in punkto Tier-, Umwelt- und Verbraucherschutz einhalten müssen. Wir sind dabei weltweit führend, was in den mittlerweile globalen, offenen Welt-Agrarmärkten die Produktionskosten erheblich erhöht. Ich will heute nicht spekulieren, was nach 2013 sein wird. Uns ist wegen der Investitionen und Planbarkeit wichtig, dass die Politik Verlässlichkeit garantiert. Dies ist bis 2013 gewährleistet. Aus Sicht der Verbraucher ist es eine schöne Sache, billige Milch und preiswerte Butter einkaufen zu können. Warum stößt das den Bauern so übel auf?Sonnleitner: Ich kann doch unseren Lehrlingen oder Arbeitern nicht zumuten, zu indischen oder chinesischen Löhnen arbeiten zu müssen. Mit hohen Binnenkosten zu produzieren und dafür nur Weltmarktpreise zu bekommen, das passt einfach nicht zusammen. In Deutschland geben immer mehr Winzer und Landwirte ihren Betrieb auf. Trotzdem empfehlen Sie jungen Leuten den Einstieg in die so genannten grünen Berufe. Warum ist das kein Widerspruch?Sonnleitner: Es gibt sehr viele Betriebsleiter zwischen 55 und 65 Jahren - und gemessen daran zu wenig Berufsnachwuchs. Selbst bei einem weitergehenden Strukturwandel benötigen wir mehr junge Leute, die eine Ausbildung in den grünen Berufen machen. Das betrifft nicht nur Hofnachfolger, sondern auch Fach- und Führungskräfte. Die Arbeitslosigkeit ist in unserer Branche sehr gering. Es geht heute auch nicht mehr nur um die Nahrungsmittelproduktion. Zukunftsorientiert boomt auch das Geschäftsfeld der erneuerbaren Energien. Insgesamt ist die Landwirtschaft eine Zukunftsbranche, für die qualifiziertes Personal gesucht wird, das gute Einkommens- und Berufsaussichten hat. d Mit Gerd Sonnleitner sprach TV-Redakteur Rolf Seydewitz.