"Wir bekommen die Keime nicht in den Griff"

"Wir bekommen die Keime nicht in den Griff"

Für gesunde Menschen ist er harmlos. Für Frühgeborene kann er lebensbedrohlich sein: der Keim Serratia marcescens. Warum er bei sieben Frühchen im Trierer Mutterhaus nachgewiesen werden konnte, ist noch unklar.

Trier. Schwester Nadine gibt dem winzig kleinen Baby, das in eine Decke gehüllt im Brutkasten liegt, eine Infusion. Hinter dem kaum zu erkennenden Jungen liegen ein kleiner Kuschelbär und ein Schmuse-Sandmännchen.
Etwas mehr als zwei Kilogramm wiegt das Baby, das zusammen mit drei anderen in einem Zimmer auf der Frühgeborenen-Station liegt. Sein Gewicht hat sich seit seiner Geburt Anfang August fast verdreifacht. Gerade mal 700 Gramm hat das extreme Frühchen damals gewogen. Während die Ärzte um das Leben des winzigen Babys kämpften, stellten sie bei einer Routineuntersuchung drei Tage nach der Geburt fest, dass es sich mit dem Keim Serratia marcescens infiziert hat. Ein an sich harmloser Keim, der jedoch für Neugeborene, erst recht für anfällige Frühgeborene, lebensbedrohlich werden kann.Gesundheitsamt ist informiert



Der Junge sei daraufhin sofort von den anderen Kindern isoliert worden, erklärt der Chefarzt der Abteilung, Wolfgang Thomas. Die ohnehin schon strengen Hygienevorschriften auf der Station wurden noch verschärft, das Personal muss sich vor der Behandlung des Kindes nicht nur die Hände desinfizieren, sondern auch Einmalhandschuhe und einen Einmal-Kittel anziehen. Außerdem ist das Trierer Gesundheitsamt informiert worden. Doch der Keim hat sich trotzdem ausgebreitet. Ende August ist er bei zwei weiteren Frühgeborenen festgestellt worden. Auch sie seien isoliert worden, sagt Chefarzt Thomas.
Die komplette Station sei daraufhin intensiv untersucht worden, sagt Harald Michels, Leiter des Trierer Gesundheitsamtes. Alle Seifen- und Desinfektionsspender seien ausgetauscht worden. Sogar die Siphons der Waschbecken. Trotzdem ist im September und im Oktober - zuletzt am vergangenen Freitag - bei drei weiteren Kindern der Keim nachgewiesen worden, sagt der Chefarzt. Infiziert habe sich aber nur das erste, das im August geborene Baby. Mit Antibiotikum habe die Infektion aber gestoppt werden können. Lebensgefahr habe bei keinem der sechs Babys bestanden, eines ist bereits gesund entlassen worden. Nachdem am Freitag erneut Keime auf der Station festgestellt worden waren, sei klar gewesen, dass "wir die Ausbreitung nicht in den Griff bekommen", sagt Oliver Kunitz, medizinischer Geschäftsführer des Mutterhauses. Daraufhin habe man beschlossen, die Frühgeborenen- und Kinderintensivstation zu schließen. Es gibt keine Neuaufnahmen mehr. Erst wenn die in wahrscheinlich drei Monaten leere Station grundlegend desinfiziert ist, können wieder Kinder dort behandelt werden. Für Notfälle soll in einem anderen Trakt eine behelfsmäßige Kinderintensiv-Station aufgebaut werden.
Die Ärzte gehen davon aus, dass die Keime durch den im August geborenen Jungen in die Station gekommen sind. Wie sie sich letztlich verbreitet haben, stehe noch nicht fest. Michels macht den Ärzten und Pflegern keine Vorwürfe. Sie haben die Hygienevorschriften eingehalten. Aber auf einer Intensivstation könne vor allem bei lebensbedrohlichen Situationen, nicht immer streng auf Hygiene geachtet werden. Wenn es um Leben und Tod gehe, könne nicht gewartet werden, bis das Desinfektionsmittel wirke, erklärt Michels. Einen hundertprozentigen Schutz vor Keimen im Krankenhaus gebe es nicht, sagt auch Geschäftsführer Kunitz.Extra

Serratia marcescens ist ein Keim, der überall vorkommt. Zehn Prozent der Menschen tragen ihn in ihrem Darm, ohne dass sie etwas bemerken. Gefährlich wird er vor allem für Schwerkranke und Neugeborene. Weil das Immunsystem bei ihnen geschwächt oder noch nicht ausgebildet ist, kann der an sich harmlose Keim für sie lebensgefährlich werden. Er kann zu einer Harnröhren-Infektion, einer Lungenentzündung oder schlimmstenfalls zu einer Blutvergiftung führen. Vor allem in Krankenhäusern breitet sich der Mikroorganismus aus. Ein bis zwei Prozent aller im Krankenhaus erworbenen Infektionen gehen auf Serratia zurück. Seit eineinhalb Jahren ist daher vorgeschrieben, dass auf Frühgeborenen- und Kinderintensivstationen Neugeborene routinemäßig auf den Keim untersucht werden. wie