"Wir beraten rund um die Uhr und anonym"

"Wir beraten rund um die Uhr und anonym"

Die Mutter des vor einer Woche in Trier ausgesetzten Neugeborenen ist gefunden: eine alleinerziehende 20-Jährige, der es finanziell alles andere als gut geht. Gibt es für solche jungen Frauen keine Hilfsangebote, hat der TV die Trierer Familien- und Jugendhilfeexpertin Regina Bergmann gefragt.

Regina Bergmann. TV-Foto: Archiv/Lydia Vasiliou.

Was haben Sie gedacht, als Sie Details über die Hintergründe des Trierer Findelkind-Falls erfahren haben?
Bergmann: Ich war nicht überrascht, dass die Mutter in der Nähe des Neugeborenen geblieben ist. So wie das Kind gefunden wurde, bin ich davon ausgegangen, dass die Mutter wollte, dass es gesund gefunden wird und überlebt. Und ich war auch der Überzeugung, dass es eine sehr junge Mutter ist, die in einer Notlage gehandelt hat.
Was hätten Sie gemacht, wenn die Frau sich vor der Geburt bei Ihnen gemeldet hätte?
Bergmann: Wir hätten zunächst der Frau Raum zum Gespräch gegeben. Sie hätte sich auch anonym melden können. Dann hätten wir ihr Beratungsangebote gemacht. Wir hätten geschaut: Hat sie ein finanzielles Problem, gibt es Schwierigkeiten in der Familie, geht es um die Kinderbetreuung? Dann hätten wir geschaut, ob wir der Frau vielleicht dabei helfen können, mit ihren Kindern gemeinsam zu leben.
Sie sagen also: Es gibt ausreichend Hilfsangebote für Frauen in solchen Notsituationen?
Bergmann: Ob es genügend Hilfsangebote gibt, sei mal dahingestellt. Aber es gibt Hilfsangebote, und wir unterstützen die Frauen dabei, diese Angebote in Anspruch zu nehmen. Das sind Fragen, mit denen wir beinahe täglich konfrontiert werden: Wie schaffe ich das mit der Kinderbetreuung? Wie bekomme ich eine Tagesmutter oder einen Kindertagesstättenplatz? Wo bekomme ich finanzielle Unterstützung, etwa für die Babyausstattung?
In Trier gibt es eine Babyklappe. Warum wird die von Frauen in Notsituationen nicht genutzt?
Bergmann: Die Babyklappe ist auch eine Art Aufhänger, um auf die Beratungsangebote aufmerksam zu machen. Dort ist beispielsweise ein Aufkleber mit einer Notrufnummer (0651/9496222) angebracht. Unter dieser Nummer können sich Frauen rund um die Uhr und anonym an uns wenden. Wir reden dann mit den Frauen über ihre Notsituation, machen auf Beratungs- und Hilfsangebote aufmerksam.
Kennen womöglich viele Betroffene die Babyklappe oder die Hilfsangebote gar nicht?
Bergmann: Denkbar. Die Babyklappe wird von uns nur mit Augenmaß beworben. Wir machen etwa gelegentlich Veranstaltungen in Schulklassen oder dezent Aushänge. Wir wollen aber nicht zu offensiv werben, um dem Eindruck vorzubeugen, man könne ein Kind einfach dort abgeben. Damit wäre das Kind zwar versorgt. Aber es ist deshalb noch lange nicht alles gut.
Anders als im Hochwald oder in der Eifel gibt es in Trier immerhin eine Babyklappe. Was machen Frauen in ländlichen Regionen denn in einer Notsituation?
Bergmann: Eine gute Frage. Frauen dort müssten quasi vor der Entbindung schon geplant haben, wie sie anschließend nach Trier kommen. Ohne Unterstützung würde das nicht funktionieren. Damit ist der Weg zum Babyfenster schon versperrt.
Die Mutter des Findelkindes stammt offenbar aus einem problematischen Umfeld, ist bereits alleinerziehende Mutter. Müsste die sich anbahnende Geburt nicht irgendjemand auffallen?
Bergmann: Wir sprechen von einer volljährigen Frau, die arbeitet und schon Mutter eines kleinen Kindes ist, das sie auch versorgt. Gut möglich, dass es bislang keine Schwierigkeiten gab und die Frau nicht aufgefallen ist. Wenn sie schwanger ist, muss sie das auch niemandem melden, solange keine Gefährdung für das Kind zu befürchten ist.
Zum Abschluss: An wen können sich schwangere Frauen in Notsituationen wenden?
Bergmann: Es gibt drei Möglichkeiten, sich anonym oder nicht anonym mit dem Sozialdienst katholischer Frauen in Verbindung zu setzen:
unter der Notrufnummer des Babyfensters, Telefon 0651/9496222.
unter den Internet-Adressen skf-trier.de oder gewaltlos.deRegina Bergmann (47) ist Abteilungsleiterin für Familien- und Jugendhilfe beim Sozialdienst katholischer Frauen (SKF) in Trier. Der SKF betreibt in der Krahnenstraße unter anderem die Mutter-Kind-Einrichtung Annastift, die sich beispielsweise um minderjährige, suchtkranke oder sozial benachteiligte Schwangere und Mütter kümmert.sey