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"Wir brauchen einen Soli-Zuschlag für Eltern"

"Wir brauchen einen Soli-Zuschlag für Eltern"

TRIER. Kinder werden in Deutschland als Störfaktoren betrachtet. Das behauptet der Leiter des Heidelberger Familienbüros, Kostas Petropulos. Was getan werden muss, um mehr Familienfreundlichkeit zu erreichen, darüber sprachen wir mit ihm zum Abschluss unserer Serie "Kinder? Kinder!"

Alle Parteien haben sich die Familienpolitik auf die Fahnen geschrieben. Trotzdem wird das Thema eher stiefmütterlich behandelt. Woran liegt das?Petropulos: Politiker kümmern sich lieber um den Wirtschafts- als um den Familienstandort Deutschland. Deshalb bleibt das zentrale Problem junger Paare ungelöst: wirtschaftliche und berufliche Sicherheit, wenn sie sich für Kinder entscheiden. So hat sich das Risiko der Altersarmut drastisch verringert, während Kinder mittlerweile das Armutsrisiko Nummer eins sind. Ist Ganztagsbetreuung der Stein der Weisen? Petropulos: Die Ganztagsbetreuung ist ein ideologisches Konstrukt. Man glaubt immer noch, dass sich damit die Geburtenzahlen steigern ließen. Der reinste Irrglaube. Da reicht doch der Blick nach Ostdeutschland. Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind beispielsweise Spitzenreiter bei der Ganztagsbetreuung, haben aber niedrigere Geburtenraten als Bayern und Baden-Württemberg, wo es kaum Ganztagsbetreuung gibt. Selbst im als familienpolitisches Musterland hochgehaltenen Schweden mit seinem breit ausgebauten Ganztagsangebot ist die Geburtenrate in den 90-er-Jahren von im Schnitt 2,1 auf mittlerweile 1,6 Kinder abgesackt. Wenn nicht mit einer besseren Betreuung, wie kann der Kindermüdigkeit in Deutschland dann begegnet werden? Petropulos: Das Leben mit Kindern hängt eben nicht nur von der Betreuungsmöglichkeit ab. Junge Leute von heute haben einfach Erwartungen an ihren Lebensstandard, und sie sind nicht ohne weiteres bereit, wegen Kindern einen wirtschaftlichen und beruflichen Absturz hinzunehmen. Zudem brauchen wir ein gesellschaftliches Klima, in dem Kinder willkommen sind und nicht als lästige Störfaktoren empfunden werden. Wie können Eltern aber finanziell besser gestellt werden? Petropulos: Eltern müssen ein Erziehungsgehalt bekommen, 1000 Euro pro Kind und Monat. Dieses Geld können sie für sich selbst verwenden, um etwa den Einkommensausfall nach der Geburt eines Kindes auszugleichen, oder sie können es dafür verwenden, um sich die Betreuung ihrer Wahl einzukaufen. Aber ist es allein mit der finanziellen Besserstellung von Familien getan? Petropulos: Selbstverständlich reicht das nicht aus. Es müssen auch Möglichkeiten geschaffen werden, dass Eltern, die auf Zeit aus dem Beruf aussteigen, später wieder ohne Probleme einsteigen können, etwa durch spezielle Rückkehrprogramme und Weiterbildungsmöglichkeiten. Dringend brauchen wir qualifizierte Teilzeit stellen. Und Eltern müssen lernen, wie man Kinder angemessen erzieht. Damit sollte schon in der Schule begonnen werden. Herr Petropolus, Ihre Vorschläge sind ja gut und schön, aber wer soll die bezahlen? Petropulos: Wir sind eine der reichsten Nationen der Welt. Es ist eine Frage der politischen und gesellschaftlichen Prioritäten. Wenn wir sagen, dass Kinder unerlässlich für unsere Zukunftsfähigkeit sind, dann müssen wir auch Geld dafür bereitstellen. Während die Ausgaben für Maschinen und Gebäude steuerlich als Zukunftsinvestitionen behandelt werden, gelten die Ausgaben für Kinder als Privatvergnügen und Kostenfaktor. Arbeitszimmer können von der Steuer abgesetzt werden, Kinderzimmer aber nicht. Erziehungsleistung muss zudem mit den Rentenbeiträgen von Arbeitnehmern gleichgesetzt werden. Trotzdem: Wo soll das Geld herkommen? Petropulos: Das Paradebeispiel, wo politische Prioritätensetzung dazu geführt hat, dass massiv Gelder mobilisiert wurden, war der Solidaritätszuschlag für den Aufbau Ost. Da waren sich alle einig, dass das eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe ist. Und genau das muss auch für Eltern und Kinder gelten. Sie fordern also einen Solidaritätszuschlag für Familien? Petropulos: Genau. Seit den 70-er-Jahren verzeichnen wir einen deutlichen Geburtenrückgang, seitdem werden nur noch Zweidrittel der Kinder geboren, die zum Erhalt der Bevölkerung notwendig sind. Wenn wir also ein Drittel weniger Kinder haben, haben wir auch ein Drittel weniger Ausgaben, pro Jahr zwischen 80 und 90 Milliarden Euro. Dieses Geld wird aber trotzdem ausgegeben. Es wäre also für den Solidaritätszuschlag für Eltern mobilisierbar. Ist Deutschland tatsächlich so kinderfeindlich? Petropulos: Ja. In den vergangenen Jahren wurden immer nur Rahmenbedingungen für eine bessere Wirtschaft geschaffen. Wir haben uns aber keine Gedanken darüber gemacht, wie mehr Kinder geboren, diese erzogen und gut ausgebildet werden. Aktuelles Beispiel: Die Diskussion über die Arbeitszeitverlängerung, eine zutiefst familienfeindliche Diskussion. Denn das bedeutet, das Eltern länger und flexibler arbeiten müssen und damit weniger Zeit für ihre Kinder haben werden. Ich kann mich aber nicht daran erinnern, dass die Bundesfamilienministerin Einspruch dagegen erhoben hat. Im Interesse der Eltern und Kinder müssen jedoch dem Arbeitsmarkt Grenzen gesetzt werden. Wie optimistisch sind Sie, dass Ihre Forderungen auch Gehör finden und umgesetzt werden? Petropulos: Der Druck wird wachsen, die Probleme werden sich verschärfen. So hoffen immer noch viele auf verstärkte Einwanderung. Abgesehen von den Integrationsproblemen ist das letztlich keine echte Lösung. Außerdem ist das Ganze eine Neuauflage des Kolonialismus. Früher haben wir Rohstoffe billig importiert, jetzt importieren wir Menschen, die auf Kosten anderer Staaten großgezogen und ausgebildet wurden. Schon in wenigen Jahren wird sich herausstellen, dass eine Gesellschaft ohne ausreichende Zahl von erzogenen und gut ausgebildeten Kindern nicht funktionieren kann. Das Gespräch führte unser Redakteur Bernd Wientjes.