"Wir erleben den Anfang vom Ende"

"Wir erleben den Anfang vom Ende"

Wie ist das derzeitige Säbelrasseln Nordkoreas zu erklären? Wie wird sich der Konflikt auf der koreanischen Halbinsel in Ostasien entwickelt? Über diese und andere Fragen sprach TV-Redakteur Rolf Seydewitz gestern mit dem Trierer Politikwissenschaftler und Nordkorea-Experten Professor Hanns W. Maull.

Was unterscheidet das aktuelle martialische Trommeln der nordkoreanischen Führung von seinen Vorgängern?
Maull: Nicht allzu viel. Bemerkenswert ist eher, dass die mit Südkorea betriebene Sonderwirtschaftszone Kaesong - ein wichtiger Devisenbringer für das Regime in Pjöngjang - bis gestern normal funktioniert hat. In der Vergangenheit waren die im Norden arbeitenden Südkoreaner auch schon festgehalten und damit gewissermaßen zu Geiseln gemacht worden; nun dürfen sie anscheinend raus. Bislang bleibt es bei den markigen Sprüchen; militärische Aktionen sind bislang gottlob ausgeblieben. Die wären sicherlich in der jetzigen, gespannten Lage gefährlich.

Was ist der aktuelle Anlass für das Kriegsgeschrei aus Pjöngjang?
Maull: Das können wir nur vermuten. Eine Sichtweise ist, dass der neue Machthaber Kim Jong Un sich bei den Militärs als Scharfmacher und damit als würdiger Sohn und Enkel seiner beiden Vorgänger erweisen und damit auch ihre Unterstützung für zukünftige Reformen sichern will. Ich habe da meine Zweifel - wir wissen nicht, wer in Nordkorea wirklich die Entscheidungen trifft, aber ich glaube nicht, dass sie wirklich primär auf den neuen "großen Führer" zurückgehen. Wie immer: Der eigentliche Hintergrund des Kriegsgetöses ist, dass dem Regime das Wasser bis zum Halse steht, und der Pegel steigt weiter.

Ist es nicht ein gefährliches Spiel mit dem Feuer?
Maull: Ja, das ist in der Tat gefährlich - auch wenn kaum jemand glauben kann, dass Pjöngjang ernsthaft einen Krieg - und damit das sichere Ende des Regimes - riskiert. Aber wir wissen ja auch nicht wirklich, inwieweit die Führung dort von den eigenen Propagandaparolen überzeugt ist und damit auch eine möglicherweise recht unrealistische Einschätzung der Lage besitzt. Jedenfalls ist das Risiko von Kurzschlüssen und Fehlhandlungen in solchen Situationen nicht zu unterschätzen. Dennoch glaube ich nicht, dass es zu einem wirklichen Krieg kommen wird.

Wie berechenbar oder unberechenbar ist Kim Jong Un?
Maull: Es geht ja nicht nur um ihn, sondern um diejenigen, die ihn informieren und beraten. Ich gehe davon aus, dass es hier nicht um einsame Entscheidungen eines Einzelnen geht, sondern um kollektive Entscheidungen des Familienclans und des Militärs. Das macht ihr Verhalten doch einigermaßen berechenbar. Aber die Eskalation bleibt dennoch ein Stück weit auch eine Pokerpartie.

Es scheint, als würde auch Nordkoreas einziger Verbündeter China die Geduld langsam verlieren?
Maull: Ja, das vermute ich auch. Aber die Frage ist, welche Schlussfolgerungen die neue chinesische Führung daraus ziehen wird - und die hat alle Hände voll zu tun mit anderen Problemen. Ob Staats- und Parteichef Xi Jingpin, der die Koreapolitik entscheidet. aber wirklich bereit ist, Kim Jong Un den Teppich der chinesischen Lebensmittel- und Energielieferungen unter den Füßen wegzuziehen und das Regime damit womöglich zu Fall zu bringen, bezweifle ich. Denn der Sturz der Kim-Dynastie könnte China erhebliche Probleme verursachen. Aus der Sicht von Beijing heißt die Frage deshalb wahrscheinlich: Lieber ein Ende mit Schrecken - oder doch eher ein Schrecken vorläufig ohne Ende?

Wie wird sich die Situation Ihrer Einschätzung nach entwickeln?
Maull: So oder so: Nordkorea dürfte in den nächsten Monaten vor erheblichen Erschütterungen stehen. Ich sehe nicht, wie das Regime auf Dauer bestehen kann: Es ist wirtschaftlich und inzwischen auch politisch völlig abgewirtschaftet, und die Gesellschaft entgleitet zunehmend seiner Kontrolle. Wir erleben den Anfang vom Ende - aber wie lange sich das hinzieht, vermag ich nicht zu sagen. Und ich kann auch nur hoffen, dass sich die Götzendämmerung möglichst unblutig vollzieht. sey
Extra

Hanns W. Maull, Jahrgang 1947, ist emeritierter Politikprofessor. Er leitete an der Universität Trier bis vor kurzem den Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Außenpolitik. Zu seinen Forschungsschwerpunkten zählen die Sicherheitspolitik im asiatisch-pazifischen Raum und die Beziehungen Europas zu Ostasien. Maull (Foto: TV-Archiv) ist Autor und Herausgeber zahlreicher Bücher. sey

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