"Wir hörten pausenlos Radio"

HILLESHEIM. 17. Juni 1953 - wer diesen Tag in der DDR erlebt hat, wird ihn niemals vergessen. Eine von ihnen ist die inzwischen in Hillesheim in der Eifel lebende TV -Mitarbeiterin Felicitas Schulz. Hier ihre Erinnerungen:

Die Russen sind unsere einzigen wahren Freunde - das wurde uns in jeder Russischstunde gesagt. In der Schule hingen Plakate, die von der Heldenhaftigkeit der Sowjetmenschen berichteten. Helden seien sie, und nur von ihnen könnten wir lernen. Wir Kinder der 6c in der Roseggerschule in Radebeul wussten nur nicht, was wir von ihnen lernen sollten. Etliche unserer Mitschüler warteten schon seit Jahren auf Nachrichten von ihren vermissten Vätern aus Russland. Anfang Juni, kurz vor Schuljahresende, wurde die letzte Russischarbeit geschrieben. Das russische Alphabet mit den kyrillischen Buchstaben und den sechs Deklinationsfällen bereitete uns auch nach zwei Jahren intensiven Unterrichts noch viel Mühe. Unser sonst sehr beherrschter Lehrer Pasig knallte die Arbeiten auf das Pult und sagte: "Hier sind über die Hälfte Vieren dabei, die muss wiederholt werden." Wir hatten keine Lust, uns nochmals in eine Sprachwelt zu vertiefen, die wir ablehnten. Zuhause hieß es oft, lernt mal lieber Deutsch und Rechnen, das nützt euch mehr als dieses Russisch. Herr Pasig blieb hart, am 17. Juni sollte nachgeschrieben werden. Als wir morgens in die Schule kamen, hatten einige Kinder ihre blauen Pionierhalstücher nicht um. Auch meine Banknachbarin gehörte dazu. Auf meine Frage, warum, tuschelte sie, dass ihr Vater am Vorabend gesagt habe, der Unfug höre bald auf. Die Lehrer nahmen sich Zeit, ehe sie in die Klassen gingen. Herr Pasig kam gut gelaunt durch die Tür, warf flott seine abgenutzte Ledertasche auf das Pult und begrüßte uns statt auf Russisch mit "Guten Tag". Er fragte, ob wir die Arbeit schreiben wollten. Das verstanden nur wenige. Vor allem die, bei denen Zuhause - wenn auch verschwiegen - über Politik gesprochen wurde. Wir wollten natürlich nicht und johlten vor Freude. Am 28. Mai 1953 hatte der Ministerrat der DDR beschlossen, die Arbeitsnormen zu erhöhen. Danach kam es zu Streiks und besonders am 16. Juni in Ost-Berlin und anderen Industriestädten zu Demonstrationen. Im nahen Dresden hörten viele Menschen in den Betrieben Radio, statt zu arbeiten. Rias Berlin, der Radiosender aus dem Westen, berichtete rund um die Uhr von den Ereignissen. Nach der zweiten Stunde wurden alle Schüler heimgeschickt. Unsere Klassenlehrerin Frau Fritzsche nannte es hitzefrei. Viele Menschen standen laut sprechend und gestikulierend auf den Straßen. Meine Mutti blieb zu Hause, anstatt nachmittags ihrer Beschäftigung nachzugehen. Als Kriegerwitwe wurde ihr nach 1945 auf den Ämtern gesagt, dass sie arbeiten gehen müsse. "Das haben Sie davon, warum ließen Sie denn ihren Mann in den Krieg ziehen!?" Wir hörten, wie alle in der DDR, pausenlos Radio, und zeitweilig entstand der Eindruck, dass die Russen vertrieben würden. Uns Nachkriegskindern und vielen Erwachsenen waren die Besatzungstruppen aus dem Osten verhasst. Vieles wurde nach Russland geschafft: Getreide, Zuckerrüben, Fahrradschläuche, Straßenbahnschienen und anderes - für uns Wichtiges - mehr. Und das, obwohl die Russen die einzigen wahren Freunde der Deutschen waren. Die Meldungen aus dem Radio am Abend des 17. Juni waren widersprüchlich, doch plötzlich war nur noch ein Sender zu hören, der der DDR. Der Reporter meldete erfreut, dass der Aufstand mit Hilfe sowjetischer Panzer erfolgreich niedergeschlagen sei und ab sofort wieder Ruhe und Ordnung in unsere Deutsche Demokratische Republik einkehre. Am nächsten Tag machten die Menschen, die tags zuvor noch jubelnd auf der Straße gestanden hatten, traurige Gesichter. Aus der Russischarbeit wurde ein Vokabeltest, den Herr Pasig großzügig korrigierte und wortlos zurück gab.

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