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Interview Reiner Klingholz
„Wir müssen den Wohlstand anders verteilen“

Wohlstand - den wünscht sich wohl jeder. Zwei Menschen sitzen im Sommer 2016 in Norderney (Niedersachsen) im Sonnenuntergang zwischen zwei Strandkörben.
Wohlstand - den wünscht sich wohl jeder. Zwei Menschen sitzen im Sommer 2016 in Norderney (Niedersachsen) im Sonnenuntergang zwischen zwei Strandkörben. FOTO: Hauke-Christian Dittrich / dpa
Berlin. Der Berliner Bevölkerungsforscher meint: Deutschland braucht Ideen, wie die Gesellschaft in Zukunft mit weniger Wachstum gut auskommen kann. Von Stefan Vetter

Der wirtschaftliche Boom in Deutschland scheint kein Ende zu kennen. Zuletzt wurden die Konjunkturerwartungen nach oben korrigiert. Dagegen rechnet der Chef des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung, Reiner Klingholz (64), mit einer immer stärkeren Verlangsamung des Wachstums. Und zwar in allen Industrienationen. Warum und mit welchen Konsequenzen, erläutert der Demografie-Experte im Gespräch mit unserem Korrespondenten Stefan Vetter.

Herr Klingholz, sind Sie ein Schwarzmaler?

REINER KLINGHOLZ Ich bin ein Optimist, weil ich glaube, dass Menschen in der Lage sind, Probleme zu lösen. Aber dafür muss man Veränderungen und daraus entstehende Herausforderungen, vom Klimawandel bis zu einem sich verlangsamenden Wirtschaftswachstum, rechtzeitig erkennen, analysieren – und dann reagieren. Wer das tut, ist kein Schwarzmaler, sondern Realist.

Gerade Deutschland beweist, wie gut der Arbeitsmarkt auch bei weniger Wachstum als früher florieren kann. Wo ist das Problem?

KLINGHOLZ Die Wirtschaft befindet sich derzeit in einer konjunkturellen Aufwärtsphase, auf die in der Regel ein zyklischer Abschwung folgt. Wichtiger ist ohnehin die längere Sicht. Da haben wir es seit Jahrzehnten mit rückläufigem Wachstum zu tun. Unsere Gesellschaften sind aber auf Wachstum angewiesen. Wir brauchen es, um die Alterung der Gesellschaft zu finanzieren. Auch unsere Schuldenpolitik erfordert Wachstum.

Inwieweit kann die Migration langfristig helfen, damit Deutschland ein ökonomisches Schwergewicht bleibt?

KLINGHOLZ Unsere Wirtschaft ist seit geraumer Zeit von Zuwanderung abhängig. Ohne diese Menschen würden die Unternehmen weniger leisten und der Wohlstand wäre geringer. Das gilt morgen mehr als heute.

Was ist mit dem technischen Fortschritt? In der Vergangenheit gab es immer Menschen mit bahnbrechenden Erfindungen. Dies wird doch wohl auch in Zukunft ein Wachstumstreiber sein.

KLINGHOLZ Seit Beginn der Industrialisierung gab es vier epochale Innovationen, die unsere Produktivität erhöht haben: die Dampfmaschine, der Verbrennungsmotor, die Elektrizität und der Halbleiter beziehungsweise der Computer. Derzeit gibt es nur kleinere Weiterentwicklungen.

Und das bedeutet?

KLINGHOLZ Auch wenn wir das Gefühl haben, von immer neuen Erfindungen umgeben zu sein –  die Produktivitätsfortschritte verlangsamen sich seit Jahren. Ein neues I-Phone ist nur ein winziger Fortschritt im Vergleich zur Erfindung der elektrischen Beleuchtung.

Tendenziell gehen die Menschen immer später in Rente. Macht das eine alternde Gesellschaft nicht auch zukunftsfester?

KLINGHOLZ Länger arbeiten, bessere Bildung und die Zuwanderung von Fachkräften, damit können wir den demografischen Wandel abfedern. Das wird aber nicht ausreichen, um die Verrentung der geburtenstarken Babyboomer-Jahrgänge zu kompensieren.

Was muss sich noch ändern?

KLINGHOLZ Wir müssen uns aus der Abhängigkeit vom Wachstum befreien. Wir können es nicht erzwingen, etwa mit Konjunkturprogrammen. Die erhöhen nur die Schulden.

Ein bedingungsloses Grundeinkommen, wie es viele Experten fordern, könnte man nach Ihrer Theorie dann auch vergessen, oder?

KLINGHOLZ Der Sozialstaat wird durch ein Grundeinkommen ad absurdum geführt. Sozialleistungen sollen Menschen unterstützen, die besondere Bedürfnisse haben –  zum Beispiel Arbeitslose, Kranke oder Rentner – aber nicht auf alle Bürger gleichmäßig herabregnen. Wenn dann nämlich manche Leute sagen, „mir reicht das Grundeinkommen und ich höre auf zu arbeiten“, dann sinken zudem die Steuereinnahmen – und der schöne Traum zerplatzt.

Wie sähe denn eine Gesellschaft aus, die auf Dauer praktisch kein Wachstum mehr kennt?

KLINGHOLZ Wir bräuchten andere gesellschaftliche Ziele. Unser Wohlergehen zu bewahren wäre wichtiger als immer mehr materielle Güter. Wir müssten den Wohlstand anders in der Gesellschaft verteilen, und der Staat müsste sich zusätzliche Einnahmequellen suchen. Wie das alles funktionieren kann, weiß bislang keiner, denn kaum ein Ökonom beschäftigt sich mit der Frage, wie wir uns ohne Wachstum organisieren könnten.

Das heißt, alle müssten kürzer treten?

KLINGHOLZ Die Zeiten des „immer mehr“ wären vorbei. Aber vielleicht wären wir zufriedener, hätten mehr Zeit und würden weniger Schaden an der Umwelt anrichten.

Stefan Vetter