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"Wir stehen doch im kurzen Gras"

"Wir stehen doch im kurzen Gras"

Nach der Krise in der Milchbranche jagt ein Milchgipfel den nächsten. Am Mittwoch sitzt die Milchindustrie mit Bundesagrarminister Horst Seehofer zusammen. Im Vorfeld haben gestern Hochwald-Chef Karl-Heinz Engel und Muh-Chef Rainer Sievers im Redaktionsgespräch beim TV Position bezogen.

Trier. Die rheinland-pfälzischen Molkereien spielen in der europäischen Milchbranche in der Champions League. Die Milch Union Hocheifel (Muh) in Pronsfeld ist mit einer verarbeitenden Milchmenge von knapp einer Milliarde Liter Milch die Nummer sechs in Deutschland, die Hochwald-Molkerei in Thalfang steht als Molkereigruppe mit rund zwei Milliarden Litern Milch auf Platz drei.Doch die jüngste Krise hat auch die beiden deutschen Vorzeige-Molkereien kräftig durchgerüttelt, wie die beiden Geschäftsführer Karl-Heinz Engel (Hochwald) und Rainer Sievers (Muh) im Redaktionsgespräch beim TV gestanden. Mit den Milchstreiks und Molkereiblockaden wollten die verärgerten Milchbauern einen besseren Milchauszahlungspreis gegenüber dem Handel durchsetzen. Nach zehntägigem Streik haben die großen deutschen Discounter eingelenkt und bei Frisch- und H-Milch zehn Cent pro Liter mehr angeboten.Für Sievers wie Engel ist diese Entwicklung positiv. Beide schränken aber auch ein, "dass lediglich rund zwölf Prozent der verarbeitenden Milch" in diesen Bereich gehen. "Rund 50 Prozent der Milch wird zu Käse verarbeitet", sagt Sievers und hier habe es bisher keine Preisanpassung gegeben. Damit bleibt der Milchauszahlungspreis derzeit noch weit entfernt von den 43 Cent, die der Bund der Deutschen Milchviehhalter (BDM) fordert. Etwa 34 Cent pro Liter Milch bekommen die Milchlieferanten von Hochwald und Muh derzeit. Hoffnungen machen den beiden Molkerei-Chefs Neuigkeiten von der Nordmilch. Deutschlands größte Molkerei steckt gerade in Verhandlungen mit den Discountern um die Butterpreise und geht von Steigerungen um die 18 Prozent aus. Hochwald und Muh produzieren zwar kaum Butter, sehen das aber als positives Zeichen für die Gesamtbranche. Doch zunächst richtet sich der Blick nach Berlin. Wenn sich Karl-Heinz Engel und Rainer Sievers mit wenigen anderen Molkerei-Chefs mit Bundesminister Horst Seehofer in Berlin an einen Tisch setzen, erwarten sie klare Worte und Taten vom Bayern. "Wir stehen doch hier im kurzen Gras", sagt der Muh-Chef, der sich wie Engel von der Politik ein wenig im Stich gelassen sieht. Die EU fördere höhere Milchmengen für Europa und den Wegfall der Quotenregelung. Zudem sei die Exportförderung gekappt worden, und die Welthandelsorganisation WTO treibe die Zollfreiheit voran. All dies werde die Konkurrenzsituation weiter verschärfen, der Strukturwandel bei Molkereien und Landwirten werde so weitergehen. Trotzdem sind Muh und Hochwald nach Ansicht ihrer Chefs bestens aufgestellt. Die Frage, ob sie einen größeren Einfluss des BDM in den Entscheidungsgremien erwarten, beantworten die beiden Molkerei-Chefs als typische "Genossen". "Unsere Unternehmen sind als genossenschaftliche Molkerein ja demokratisch aufgestellt. Die Mitglieder entscheiden über die Besetzung." Meinung Schwierige Zeiten Es gibt in dieser hoch emotionalen Debatte um Blockaden, Lieferstreiks, Milchpreise, Marktmacht und die Konsequenzen aus den Entwicklungen der vergangenen Wochen noch eine Menge Fragen, die auf Antwort warten. Da sind die regionalen Aspekte. Raufen sich bei den beiden Genossenschaften die Bauern wieder zusammen? Ist das überhaupt noch möglich? Wird es straf- und zivilrechtliche Konsequenzen für die Blockierer geben? Wer entschädigt die Bauern, die liefern wollten, aber wegen der Blockaden nicht liefern konnten? Wer begleicht die Schadenersatzforderungen des Handels wegen nicht eingehaltener Lieferverpflichtungen? Wie tief sind die Gräben innerhalb der Landwirtschaft? Lassen sie sich überhaupt noch zuschütten nach allem, was passiert ist? Von den Antworten auf diese Fragen hängt eine Menge ab, für die Bauern, aber auch für den Frieden in den Dörfern. Wahr bleibt allerdings auch nach den Streiks, dass es zur genossenschaftlichen Organisation der Molkereien keine wirkliche Alternative gibt, und Fakt ist auch, dass sich am Markt nicht jeder Preis durchsetzen lässt und sei er aus Sicht des Produzenten noch so berechtigt. Von allen, die in diesem Bereich Verantwortung tragen, ist in den nächsten Monaten nicht Gepolter, sondern Augenmaß und Fingerspitzengefühl gefordert. Denn es geht um viel, für manche Betriebe um alles. Vergesssen werden darf dabei allerdings nicht, dass Landwirte und Molkereien für Verbraucher produzieren. Und die sind entgegen aller Lippenbekenntnisse eben nicht bereit, jeden Preis zu zahlen. Schon deshalb nicht, weil viele es sich schlicht nicht leisten können. Schwierige Zeiten also, für alle Beteiligten. d.schwickerath@volksfreund.de