"Wir suchen 5000 Ingenieure"

Ingenieure haben in Deutschland glänzende Jobaussichten. Das sagt der Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA), Thomas Lindner, im Gespräch mit unserer Zeitung. Er fordert dazu auf, verstärkt die Ursachen für den Studienabbruch zu bekämpfen.

Berlin. (has) Wie kaum eine andere Branche steht der Maschinenbau für die Nachwuchsprobleme der gesamten Wirtschaft. Verbandschef Thomas Lindner äußert sich dazu im Gespräch mit unserem Berliner Korrespondenten Hagen Strauß.

Herr Lindner, wie dramatisch ist der Fachkräftemangel in Ihrer Branche?

Lindner: Derzeit gehen wir allein im Maschinenbau von rund 5000 offenen Ingenieursstellen aus. Einen Mangel an Bewerbern erwarten die Firmen in den nächsten Jahren vor allem in den Bereichen Forschung, Entwicklung und Konstruktion sowie im Vertrieb. Laut VDMA-Ingenieurserhebung befürchten Unternehmen, die Ingenieure für eine Auslandstätigkeit suchen, sogar zu drei Vierteln, nicht genügend Bewerber zu finden. Der Fachkräftemangel wird damit für uns zum limitierenden Faktor. Das kann in naher Zukunft allemal dramatisch werden.

Die Berufsperspektiven für Ingenieure sind im Umkehrschluss also glänzend?

Lindner: Generell gesprochen ja, auf jeden Fall. Und sie werden wahrscheinlich noch besser werden, da Zukunftsthemen wie Umwelt, Energie, Wasser und Mobilität ohne unsere Ingenieure nicht zu bewältigen sind.

Was muss man aber zugleich gegen den Fachkräftemangel tun?

Lindner: In unserem Bereich werden 46 Prozent aller Studienanfänger an den technischen Universitäten und 28 Prozent an den Fachhochschulen letztendlich keine Maschinenbau-Ingenieure. Das sind junge Leute die technisch interessiert sind und bei besserer Förderung zumindest teilweise bis zum Abschluss gekommen wären. Wir müssen daher die Ursachen des Studienabbruchs bekämpfen.

Das heißt, Sie schieben den Schwarzen Peter den Hochschulen zu?

Lindner: Nein, so einfach ist das nicht. Wissen und Kompetenzen sind bei Studienanfängern heterogener geworden. Der Studienabbruch ist auch eine Frage finanzieller Ressourcen. Da steht vielen Hochschulen das Wasser bis zum Hals. Aber auch manchen Professoren muss klar gesagt werden, dass Rausprüfen kein Wert an sich ist. Zudem hat man bei der Umstellung vom Diplom-Ingenieur zum Bachelor das Ausmisten von Inhalten vergessen. Insgesamt besteht dringender Handlungsbedarf.

Aber welche Verantwortung haben die Unternehmen?

Lindner: Wir müssen noch mehr für Vereinbarkeit von Familie und Beruf sorgen, um Fachkräfte an unsere Unternehmen zu binden. Bei vielen Arbeitnehmern geht heute die Familie vor. Mehr als drei Viertel der Eltern würden für mehr Familienfreundlichkeit den Job wechseln. Viele Beschäftigte befinden sich außerdem in einer Sandwich-Position. Sie haben sowohl kleine Kinder als auch kranke Angehörige, die versorgt sein müssen. Denen müssen wir helfen, zum Beispiel durch die Schaffung von mehr vollzeitnahen Teilzeitjobs in den Unternehmen.

Spielt das Thema Zuwanderung für Sie keine Rolle?

Lindner: Eine gezielte Zuwanderung von Fachkräften ist sicherlich hilfreich. Sie kann aber das Problem allein nicht lösen. Die Frage ist doch auch, warum Deutschland jedes Jahr eine hohe Zahl hochqualifizierter Fachkräfte verliert - und das mit steigender Tendenz. Wir fordern deshalb, dass Arbeitsplätze für Hochqualifizierte in Deutschland attraktiver werden. Hier müssen Politik und Wirtschaft gemeinsam ansetzen. Von Arbeitszeiten bis Zukunftsperspektiven muss ausnahmslos alles unter die Lupe genommen werden.

Wie sind die Perspektiven für den Maschinenbau 2011?

Lindner: Für 2011 rechnen wir mit einem Wachstum der realen Maschinenproduktion in Deutschland von rund acht Prozent, nach plus sechs Prozent im Jahr 2010. Das entspricht - trotz der höheren Zahl - einem gewissen Tempoverlust. Denn ein großer Teil der Plusrate geht auf einen statistischen Überhang zurück: Zur Jahreswende 2010/11 ist das Produktionsniveau bereits so hoch, dass es nur noch wenig stark weiter steigen muss, um die acht Prozent Wachstum im Jahresdurchschnitt zu erreichen. Entscheidend ist aber, dass wir eine langsamere, aber stabile Weiterentwicklung erwarten.

Zur person Thomas Lindner (Foto: dpa), geschäftsführender Gesellschafter der Groz-Beckert KG in Albstadt, ist seit Oktober 2010 Präsident des Verbandes Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA).