Wir Weltmeister

Fußball unser, wir danken dir! Du hast vollbracht, was niemand für möglich gehalten hätte. Du hast es spielend verwandelt, das Land der Miesmacher, Sorgengrame und vergnatzten Nörgler - in eine sympathische Nation der Heitergeister, Feiermeier und Partypatrioten, die unablässig Fahnen schwenken, lustige Liedchen singen und am hellen Tag spontan die Arbeit niederlegen, um hupend in Autokonvois durch die Gegend zu fahren.

Ein kollektiver Taumel der Begeisterung, eine Welle großer Gefühle, überschäumender, noch gelöster als nach dem Mauerfall. Darüber staunt die Welt, und darüber staunen wir selbst. Wir sind tolle Gastgeber, wir sind in der Form unseres Lebens, wir sind die Weltmeister der Herzen. Willkommen in der Bundesrepublik Klinsland! Kennzeichen D.: die plötzlich so erträgliche Leichtigkeit des Seins. Locker, fröhlich, entspannt, weltoffen. Mit ihrem unbekümmerten Auftreten hat die deutsche Elf in vier Wochen mehr für die Stimmung getan als die träge Berliner Koalition in einem dreiviertel Jahr. Der Politik fehlt offenkundig das Ballgefühl. Fast verzweifelt fällt die Kanzlerin dem Bundestrainer nach dem "kleinen Finale" um den Hals: Klinsi, lass' mich teilhaben an deinem Erfolg! Klinsi, wie hast du das gemacht, vom wüst beschimpften Fußball-Anarchisten zur kaisergleichen Lichtgestalt aufzusteigen? Zum Sinnbild eines modernen Machers und mutigen Reformers. Wie geht das, aus einer Kloppertruppe ohne Mumm ein Klasseteam von selbstbewussten Siegertypen zu formen? Doch die Kanzlerin bleibt im Abseits. Es gelingt ihr nicht, auf der Woge der Begeisterung zu surfen. Von den mickrigen Reförmchen, die Angela Merkel und ihre Rumpelfüßler-Regierung im Windschatten der WM aufgesetzt haben, will niemand etwas wissen. Aus den Augen, aus dem Sinn: Das Volk und die Medien suchen Trost und Ablenkung vom tristen Alltag bei Brot und Spielen. Sie feiern den Kult um die Kugel, oder besser noch: sich selbst. Ein wunderbares, perfekt organisiertes Fest also, sensationelle Stimmung, prächtige Werbung für Deutschland. Rundum gelungen, dieses Mega-Event. Wenn nur der Anlass des Spektakels nicht wäre, der Fußball. Die Qualität der meisten Darbietungen: bescheiden bis langweilig. Von wenigen attraktiven Ausnahmen (na klar: Deutschland!) abgesehen: eiskalter Ergebnisfußball, taktisches Geplänkel, Rasenschach. Viel biederes Handwerk, wenig Kunst, ganz selten genialische Momente, Brillanz und Leidenschaft. Der Fußball ist endgültig in der Globalisierung angekommen, weltweit gilt die gleiche Norm: Alle Trainer verlangen von ihren Teams, zu allererst die Spielkultur des Gegners zu zerstören und Gegentore um jeden Preis zu vermeiden. Es ist nicht wirklich unterhaltsam, zwei Mannschaften dabei zuzusehen, wie sie sich gegenseitig daran hindern, das zu zeigen, was sie draufhaben. Einzig die wenigen Überraschungen (wieder: Deutschland!) und die bisweilen aufblitzende Spannung retten den Kick vor der Belanglosigkeit. Sportlich eher schwach, emotional einzigartig: Der Fußball ist fast zum Randgeschehen geworden, zum Auslöser für ein gigantisches Fest - dem eigentlichen Erlebnis für Millionen. Deutschland, einig Partyland. Nun, da der Rausch verfliegt, stellen sich viele die bange Frage: Sind wir Deutschen bald wieder so wie immer? Die beste Antwort gibt Günter Grass, der Nobelpreisträger, Fußballfan und Weltmeister im Dauergrübeln. Seine wichtigste Erkenntnis aus der WM 2006: Na und, in zwei Jahren ist Europameisterschaft! Die Party geht weiter. Fußball unser, wir danken dir. p.reinhart@volksfreund.de