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"Wir werden Himmerod nicht kampflos räumen"

"Wir werden Himmerod nicht kampflos räumen"

Alle Rettungsversuche der vergangenen Jahre waren offenbar vergeblich: Die Klosterbetriebe der Eifeler Zisterzienserabtei Himmerod sind zahlungsunfähig. Die bange Frage: Steht nun auch das jahrhundertealte Kloster selbst vor dem Aus?

Himmerod. In der Nacht von Donnerstag auf Freitag dürfte Pater Stephan noch etwas schlechter geschlafen haben als in den Nächten zuvor. Der Gang, den der 77-jährige Klostervorsteher gestern Morgen gehen musste, war einer der schwersten seines Lebens. Im Wittlicher Amtsgericht beantragte Pater Stephan am Vormittag die Eröffnung des Insolvenzverfahrens. Die Abtei Himmerod Betriebsgesellschaft GmbH ist zahlungsunfähig, landläufig gesagt: pleite. Ob sie überhaupt noch eine Zukunft hat, muss nun der vom Gericht bestimmte Gutachter klären.
Die unfrohe Botschaft aus dem Salmtal kam für Himmerod-Kenner keinesfalls überraschend. Denn schon seit Jahren schreiben die Klosterbetriebe dicke rote Zahlen - trotz etlicher Rettungs- und Sanierungsversuche.
Zuletzt rief die Abtei Anfang Februar zu einem strikten Sparkurs auf, um die finanziell klamme GmbH zu retten: Die hochdefizitäre Fischerei wurde dichtgemacht, mehrere Angestellte wurden entlassen, Buch- und Klosterladen zusammengelegt. "Wir müssen sparen, sparen, sparen", sagte damals Bruder Konrad (53). Da war der Verwalter des Himmeroder Klosters aber noch zuversichtlich, das seit langem leckgeschlagene Schiff wieder auf Vordermann zu bringen: "Wir haben zu kämpfen", so Bruder Konrad, "aber Insolvenz? - So weit ist es noch nicht." Das Kloster sei dabei, die Verluste auf null zurückzufahren.
Nicht mal ein halbes Jahr später klingt dieser Satz wie Pfeifen im Walde, muss auch Bruder Konrad kleinlaut einräumen: "Die Umsätze haben sich einfach nicht so entwickelt, wie wir das wollten."
Dabei ist es erst vier Jahre her, dass die Himmeroder Zisterzienser wahrlich hochfliegende Pläne hegten. Mit Unterstützung des Bunds Katholischer Unternehmer wurde ein Masterplan erarbeitet, der die fast 900 Jahre alte Abtei zu wirtschaftlicher und spiritueller Blüte führen sollte. In 20 Jahren, so der damalige Traum, sollten in Himmerod wieder mindestens 60 Mönche leben, denen bis zu 200 "Zivilisten" zur Hand gehen. Der damalige Abt Bruno Fromme sagte, diese Größe sei notwendig, um ein Kloster mit guten Zukunftsperspektiven aufrechtzuerhalten.
Eine Vision, von der Himmerod augenblicklich so weit entfernt zu sein scheint wie niemals zuvor - nicht nur wirtschaftlich, auch personell. Gerade einmal elf Mönche leben noch in Himmerod, die jüngsten beiden sind um die 50. Bruder Stephan, der nach dem Rücktritt des 73-jährigen Bruno Fromme für zunächst ein Jahr ernannte "Interims-Abt" (Prior Administrator), bemüht sich sogar im Internet um Nachwuchs. Doch der Erfolg hält sich in Grenzen, weil zuletzt bei jedem Neuzugang auch ein Sterbefall zu beklagen war.
"Im Vergleich zu anderen Klöstern haben wir noch Zuwächse", tröstet sich Pater Stephan. Doch diese Aussage stimmt nur, wenn man dabei die Sterbefälle außer Acht lässt.

Entscheidung fällt woanders


Wie das riesige Klosterareal weiter belebt und betrieben werden soll, wenn sich an der Personalsituation nichts ändert, ist fraglich. Selbst die mögliche Schließung der Eifeler Traditionsabtei scheint inzwischen nicht mehr undenkbar, auch wenn der Prior Administrator Pater Stephan sagt: "Wir werden Himmerod nicht kampflos räumen und aufgeben."
Es ist eine Entscheidung, die nicht in Himmerod gefällt wird, sondern im knapp 600 Kilometer entfernten Waldsassen an der deutsch-tschechischen Grenze. In der dortigen Zisterzienserabtei tagt Anfang Oktober das sogenannte Kongregationskapitel, dem 24 Klöster angehören, darunter Himmerod. Jedes Kloster muss bei der mehrtägigen Klausur eine Art Rechenschaftsbericht ablegen. Zum Schluss macht der Abtpräses einen Vorschlag, wie mit der jeweiligen Abtei zu verfahren ist. Auch das Thema Schließung ist dabei nicht tabu.
So viel ist sicher: Dem Himmeroder Pater Stephan wird die Fahrt nach Waldsassen nicht leichter fallen als der gestrige Gang zum Insolvenzgericht.Die Zisterzienser sind ein Mönchsorden, der durch Reform aus den Benediktinern hervorgegangen ist. Die Reformer wollten sich wieder auf den strengen Kern des Mönchtums besinnen: Gebet, Schweigen, Einsamkeit und Arbeit. Ursprungskloster und Namensgeber der Zisterzienser ist das 1098 gegründete französische Kloster Cîteaux. Im Jahre 1112 trat Bernhard von Clairvaux ein und sorgte später für eine weltweite Verbreitung des Zisterzienserordens. Er gründete 68 Klöster, darunter auch die Abtei Himmerod. Heute gibt es weltweit 159 Klöster mit rund 2300 Mönchen und Nonnen. sey Die im Salmtal gelegene Zisterzienserabtei Himmerod wurde 1135 von Bernhard von Clairvaux gegründet. Nach der Säkularisation zu Beginn des 19. Jahrhunderts verfielen die Gebäude, bis das Kloster 1922 durch Zisterziensermönche der Abtei Marienstatt/Westerwald neu gegründet und später wiederaufgebaut wurde. 1950 wurde in Himmerod die "Geburtsurkunde der Bundeswehr" verfasst. In der sogenannten Himmeroder Denkschrift hatte eine Experten-Kommission im Auftrag des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer ein Konzept für eine deutsche Streitkraft erarbeitet. Heute leben in Himmerod elf Zisterziensermönche; vor 20 Jahren waren es noch doppelt so viele.