"Wo soll ich denn bloß hin?"

TRIER. Vergewaltigung ist nur dem Buchstaben nach ein Sexualdelikt. In Wirklichkeit geht es um Macht und Erniedrigung. Das hat eine Frau erfahren müssen, die bis heute unter den körperlichen und seelischen Folgen dieser Tat leiden muss.

Vergewaltigung! Mittlerweile kann sie das Wort wieder aussprechen. Eine Vergewaltigung durch den Partner hat Marianne B. (Name von der Redaktion geändert) erlitten. Einen Eingriff in ihre Persönlichkeit, brutal und verstörend. Und selbst wenn die seelischen Wunden verheilt sein sollten - die Narben werden bleiben. Im Kreislauf von Problemen

Wie jedes Verbrechen, so hat auch dieses eine Vorgeschichte. Marianne B. kommt nach der Scheidung aus der Eifel nach Trier, fühlt sich verlassen und einsam, gerät in den Kreislauf von Alkoholproblemen und nachlassender Berufsleistung und landet schließlich in der Therapie. Dort lernt sie einen Mann kennen. Und der zieht, eigentlich gegen ihren Willen, bei ihr ein, okkupiert ihre Privatsphäre, saugt sie materiell und seelisch aus und wird am Ende handgreiflich. Verletzungen am Kopf, Fleischwunden, Blutergüsse und kein Ende. Marianne will aus der eigenen Wohnung flüchten und schafft es nicht. Anzeigen bei der Polizei zieht sie wieder zurück. Sie bleibt bei dem schrecklichen Vertrauten, weil sie sich vor Einsamkeit fürchtet, flüchtet wieder in den Alkohol, denkt: "Besser den als keinen" und fasst heute ihre ganze Ratlosigkeit damals in die Worte zusammen "Wo soll ich denn bloß hin?" Und als sie das erzählt, da weint auch diese tapfere Frau. Schließlich kommt es zur Eskalation, zu schweren Kopfverletzungen, zur lebensgefährlichen Bedrohung mit einem scharfen Messer, zur Vergewaltigung. Die hat natürlich nicht das Geringste mit Sexualität zu tun. Einer Frau körperlich Gewalt antun ist nur ein Mittel, um zu zeigen: Ich bin der Stärkere. Und um eigene Niederlagen, Depressionen, um das eigene schlechte Selbstgefühl weiterzugeben an jemanden, der noch tiefer unten in der Hackordnung steht - oder stehen soll. Aber der Mann hatte sich verrechnet. Marianne B. geht zur Polizei, und diesmal nimmt sie die Anzeige nicht zurück. Ein Hauptkommissar erkennt ihre Lage, räumt ihr ausdrücklich die gesetzliche Dreimonatsfrist als Bedenkzeit ein, stellt die Verbindung zum Weißen Ring her und sorgt dafür, dass der Vergewaltiger aus der Wohnung und in Haft gebracht wird. Überhaupt: Die Unterstützung durch die Polizei, das Verhalten von Staatsanwälten und Richtern, das Engagement von Einrichtungen wie dem Haus Maria Goretti, dem "Notruf" und dem Weißen Ring - all das sei hervorragend gewesen. Aber am wichtigsten, so sagt Marianne, ist für sie der neue Partner, mit dem sich jetzt schon fünf Jahre zusammenlebt. Er hat ihr eine neue Lebensperspektive, neuen Lebensmut gegeben. Und dann lässt sich auch verschmerzen, dass die Anträge auf staatliche Opferentschädigung abgewiesen worden sind. Nur eine Angst bleibt: Der Täter wurde zu drei Jahren und neun Monaten Haft verurteilt. Irgendwann kommt er frei. Wann, das wissen Opfer und Opferhelfer nicht. Und darum hat Marianne B. zu einigen Vorsichtsmaßnahmen gegriffen. Nie wieder eine Begegnung mit diesem Mann!