Worte kontra Zahlen

BERLIN. Wirkt er, oder wirkt er nicht? Die Einschätzungen darüber, ob der Ausbildungspakt zwischen Wirtschaft und Bundesregierung greift, gehen auseinander.

Die Skeptiker traten vor einigen Tagen schon auf den Plan, um den erst sieben Wochen alten und groß gefeierten Ausbildungspakt zwischen Bundesregierung und Unternehmern für gescheitert zu erklärten. Gestern, am Tag, als die neuen Arbeitsmarktzahlen veröffentlicht wurden, verkündete der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Ludwig Georg Braun, jedoch beschwörend: "Der Pakt wirkt!" Und auch die rot-grüne Koalition stimmte in den Chor der Optimisten ein, hatte sie doch für den Schulterschluss ihre Ausbildungsabgabe eingemottet.Lücke größer als vor einem Jahr

Nur: Die nackten Zahlen der Bundesagentur für Arbeit (BA) sprechen eine andere Sprache. Die Lehrstellenlücke hat sich im Juli vergrößert. Ende letzten Monats - also vier Wochen vor Beginn des neuen Ausbildungsjahres - waren bei den Arbeitsämtern 238 260 Jugendliche auf Lehrstellensuche. Ihnen standen nur 75 869 offene Plätze gegenüber. Die rechnerische Lücke war damit um 14 000 größer als vor einem Jahr. In dem Ausbildungspakt hatten sich die Wirtschaftsverbände Mitte Juni verpflichtet, in drei Jahren jeweils 30 000 neue Lehrstellen zu schaffen. Als Gegenleistung stampfte die Koalition die Ausbildungsplatzabgabe vorerst ein. Neu heißt jedoch nicht unbedingt zusätzlich. Denn durch Pleiten oder Verlagerungen ins Ausland fallen Ausbildungsplätze weg - rund 18 000 werden es in diesem Jahr wohl sein. Die Lehrstellenlücke wird sich zwar erfahrungsgemäß noch deutlich verringern. DIHK-Chef Braun rechnet dennoch damit, dass bis zum 30. September ein Loch von 20 000 bis 30 000 Stellen zu befürchten ist. Die Wirtschaft werde ihre Verpflichtungen jedoch erfüllen, "wir haben Rückenwind, seitdem das Gespenst der Abgabe weg ist". Im Bereich der Handelskammern seien bis Ende Juli 18 900 neue Ausbildungsplätze geschaffen worden, seit Jahresbeginn habe man 13 400 neue Ausbildungsbetriebe angeworben, sagte Braun. Das Handwerk vermeldete gestern zudem, dass man bundesweit 6202 Betriebe neu als Ausbildungsbetriebe gewonnen habe und man die Zusagen im Rahmen des Paktes einhalten werde. Wer im Herbst noch ohne Ausbildung dasteht, soll nun zur nachträglichen Vermittlung zu einem "Kompetenzcheck" eingeladen werden. Reicht die Qualifikation nicht, sollen die Betroffenen ein Praktikum bekommen. Auch SPD-Chef Franz Müntefering versuchte gestern, den Kritikern des Paktes den Wind aus den Segeln zu nehmen. Er bescheinigte der Wirtschaft, ihre Anstrengungen hätten die "erwartete riesige Ausbildungslücke schon bis heute schrumpfen lassen". Das sei ein Zwischenerfolg. Zufrieden geben dürfe man sich damit aber nicht.