Wulff: Ich bin erfahren genug

Herr Ministerpräsident, es gibt Stimmen, die sagen, Sie seien zu jung für das Amt des Präsidenten. Was antworten Sie darauf? Wulff: Es hat einen besonderen Reiz, dass der nächste Bundespräsident aus der Mitte des Lebens und damit auch mitten aus dem Leben kommt - mit schulpflichtigen und kleinen Kindern, den Problemen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Das Grundgesetz verlangt das Mindestalter von 40 Jahren. Davon entferne ich mich mit jetzt 51 Jahren täglich weiter.

Dahinter steckt ja auch die Frage, welche Lebenserfahrung Sie mitbringen und was sie den Deutschen als Präsident geben können. Wulff: Drei Jahrzehnte in Beruf und Politik geben gerade eine gute Grundlage, um den Graben zwischen Bürgern und Politik zu verkleinern.

Was halten Sie von ihrem Konkurrenten Joachim Gauck?
Wulff: Joachim Gauck ist eine integere Persönlichkeit mit einer beeindruckenden Biografie.

Horst Köhler hat eine starke Distanz zum Politikbetrieb erkennen lassen und war deshalb beim Volk beliebt. Bei den Berliner Politikern allerdings weniger. Wird es bei Ihnen umgekehrt sein?
Wulff:
Beides ist wichtig. Politik ist durch die internationalen Verflechtungen bei Klimaschutz, Finanzordnung und Terrorbekämpfung noch sehr viel komplizierter geworden, weil manches national nicht mehr zu lösen ist. Ich mache die Erfahrung, dass sich die Bürgerinnen und Bürger in den letzten Jahren sehr stark verändert haben aufgrund anderer Anforderungen und sich nunmehr auch der Staat und die Parteien sowie die Institutionen öffnen und verändern müssen. Um das voranzubringen, kommt mir meine politische Erfahrung gewiss zugute und auch die vielen Kontakte zu Entscheidungsträgern. Allerdings will ich vor allem Sprachrohr der zunehmend verdrossenen Bürgerinnen und Bürger sein.

Trauen Sie sich zu, Angela Merkel auch mal in die Parade zu fahren?
Wulff: Der Bundespräsident muss auch unangenehme Wahrheiten aussprechen. Das Einmischen in Tagespolitik gehört nicht dazu.

Sie können gleich mal unangenehm sein: Ist das Sparpaket der Bundesregierung sozial gerecht?
Wulff: Das Ungerechteste wäre es, weiter Schulden zu machen und damit die kommenden Generationen zu belasten. Der entscheidende Schlüssel zu mehr Gerechtigkeit ist Teilhabe durch Bildungschancen, durch eine bessere frühkindliche Förderung, Ganztagschulen, Betreuung und aufsuchende Sozialarbeit. Da muss mehr passieren.

Heißt das auch, die Koalition sollte nachbessern und Vermögende stärker belasten?
Wulff: Es ist heute schon so, dass die oberen 25 Prozent der Einkommensbezieher über 80 Prozent aller Einnahmen des Staates aus der Lohn- und Einkommenssteuer bestreiten. Im übrigen werden Vorschläge der Regierung anschließend im Bundesrat und Bundestag beraten und gegebenenfalls Veränderungen vorgenommen, wenn bessere Alternativen vorgelegt werden.

Wie sicher sind Sie, dass es im ersten Wahlgang am Mittwoch klappen wird?
Wulff:
Ich verbreite keine Prognosen. Aber ich bin sehr zuversichtlich, dass es eine Mehrheit für mich gibt.

Mit Christian Wulff sprachen unsere Korrespondenten Hagen Strauß und Werner Kolhoff.