Wunden, die nicht heilen wollen

Wunden, die nicht heilen wollen

Der 11. September 2001 hat die Welt verändert: Zehn Jahre nach dem verheerenden Terroranschlag in New York und Washington beleuchtet der TV in einer losen Serie Schicksale, die mit diesem Datum verbunden sind. Teil eins: Die Angehörigen der in Offenbach geborenen Sigrid Wiswe suchen weiter nach der Wahrheit.

Collegeville. Die Stimme von Sigrid auf dem Anrufbeantworter. Die verzweifelten Botschaften der Angehörigen, mehr und mehr dringlich: "Siggi, bitte melde dich doch!" Wohl 200 Mal hatte Birgit Wiswe nach dem 11. September 2001, während der neuntägigen verzweifelten Suche in New York, die Handy-Nummer der Vermißten gewählt. Immer vergeblich. Da ahnte die Familie das Unausweichliche. Den Inhalt des Anrufbeantworters überspielte deshalb Birgits Mann Victor vom Handy auf ein Tonband.
TV-Serie zum Jahrestag 11. September 2001



Doch heute, zehn Jahre später, die Stimme der toten Schwester anhören? "Das kann ich nicht", sagt Birgit, "das schaffe ich immer noch nicht."
Aus ihrem Bürofenster im 94. Stock des World Trade Center-Nordturms konnte Sigrid Wiswe, die in Offenbach geborene 41-jährige American Express-Managerin, die Freiheitsstatue sehen. Vielleicht sah sie um 8.46 Uhr auch für eine Sekunde die silbrig-schlanke Silhouette des American Airlines-Jets, der aus dem klaren Himmel plötzlich direkt auf ihr Panoramafenster zuraste. An jenem Tag hatte der Finanzkonzern sie früher zum Dienst gerufen, eine Konferenz war vorverlegt worden.
Lange gelitten hat Sigrid wohl nicht, glauben die Schwester und Mutter Ute (85). "Ich hatte zunächst Alpträume," sagt Ute Wiswe, "dass sie in einem der Fahr-stühle war, die zu Feuersäulen wurden und nach unten fielen." Doch dann, drei Monate später, entdeckte man die Dienstausweise und eine Kreditkarte beim Durchsieben der Trümmer. Die Dokumente, die Sigrid stets am Körper trug, waren nur an den Rändern leicht beschädigt, sind aber sonst gut erhalten. "Wir wissen also, dass sie nicht verbrannt ist", tröstet sich Birgit Wiswe. Mehr wurde von der unverheirateten dunkelhaarigen Frau, die so gerne nach Argentinien reiste, zu Weihnachten Plätzchen backte und Handarbeiten und ihre beiden Kater liebte, nicht gefunden. Die Beisetzung in Pennsylvania, von der Familie bereits arrangiert, sagten die Angehörigen ab. "Es gab ja noch nicht einmal ein Hautstück", so die Schwester. Es sind Details wie diese, die auch nach einem Jahrzehnt noch die Gespräche im Haus der Wiswes in der Stadt Collegeville (Pennsylvania) prägen. Die Zeit heilt die von den Terroristen geschlagenen Wunden nur langsam.
Eine trotzige Wut ist bis heute geblieben - ein Zorn, der sich auch in scheinbar Banalem manifestiert. "Ich weigere mich, einen Wecker zu benutzen", sagt Birgit Wiswe, "schließlich war es ja ein Wecker, der sie damals früher als sonst in die Arbeit geschickt hat." Auch den Fernseher vermeidet sie: "Ich habe Angst, die Flugzeuge in die Türme fliegen zu sehen."
Wie es im Innern der Hinterbliebenen brodelt, wird auch deutlich, als das Gespräch auf die Schuld und die Versäumnisse im Vorfeld der Attacken kommt. Als eine von 100 Familien haben die Wiswes nicht die Abfindung akzeptiert, die ihnen die US-Regierung aus dem 9/11-Fonds angeboten hatte. Sie reichten vielmehr Klage ein, forderten eine Verhandlung: "Wir wollten die Wahrheit haben. Wir wollten, dass die Fehler aufgezeigt werden." Vor einigen Wochen haben sie dann doch einer einvernehmlichen Regelung zugestimmt, auf Anraten ihrer Anwälte. Über Details der Einigung dürfen sie nicht sprechen. Doch das hindert die Wiswes nicht daran, ihr Urteil zu verkünden, an dem sie keine Zweifel zulassen. "Die Bush-Regierung, die Flughafenbetreiber, die Sicherheitsfirmen und die Airlines haben nachlässig gehandelt", klagt Birgit Wiswe, die 48 Jahre alte Allgemeinmedizinerin, an. Als George W. Bush Familien der Opfer treffen wollte, lehnten sie empört die Einladung ab. "Er hat doch auf seiner Ranch Sommerurlaub gemacht, als die Anschläge geplant wurden", sagt die Ärztin. Diese Worte zeigen die frisch gebliebene Verbitterung, die mit einer schwachen Hoffnung einher geht: Dass irgendwann die ganze Wahrheit über die staatlichen Pannen ans Licht kommt. So lange werden die Wiswes an jenen Ritualen festhalten, die ihnen den Umgang mit dem Unbegreiflichen möglich machen. Das Verschenken und Anzünden jener Bienenwachs-Kerzen etwa, die Sigrid in ihrer Freizeit herstellte und von denen sich noch Hunderte beim Auflösen ihres Appartments fanden. Die Kerzen stehen heute in einem Karton, neben der Wäsche der Toten, Möbeln und anderen persönlichen Gegenständen. Auf einem Kopfkissenbezug, seit dem 11. September 2001 ungewaschen, schläft ab und zu Birgit Wiswes Tochter, die ein Jahr nach den Terroranschlägen geboren wurde und der sie den Vornamen ihrer Schwester gegeben hat. "Wenn wir Sigrid nicht finden, soll wenigstens mein Kind ihren Namen tragen", habe sie sich damals in New York geschworen.

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