Zehn Minuten vor 20 Jahren

BITBURG. Heute vor 20 Jahren besuchten US-Präsident Ronald Reagan und Bundeskanzler Helmut Kohl den Soldatenfriedhof Kolmeshöhe in Bitburg. Der zehnminütigen Zeremonie gingen monatelange erbitterte Auseinandersetzungen voraus.

Ronald Reagan kam zum Staatsbesuch in die damals noch geteilte Bundesrepublik Deutschland. Anlass war der Weltwirtschaftsgipfel in Bonn. Doch die zeitliche Nähe zum 40. Jahrestag des Kriegsendes sollte auch genutzt werden, um die gelungene Versöhnung zwischen den ehemaligen Kriegsgegnern mit einer starken symbolischen Geste vor aller Welt zu besiegeln. Das hatte vor allem der damalige Kanzler Helmut Kohl so gewollt. Gesucht wurde der passende Ort für diesen hochoffiziellen Akt. Die Fahnder aus Bonn und Washington fanden ihn schließlich auf dem Bitburger Soldatenfriedhof Kolmeshöhe. Auf den ersten Blick eine gute Wahl, schließlich taten auf der nahen Air Base ohnehin mehrere tausend amerikanische Soldaten Dienst, lebten seit 30 Jahren bei allen Problemen friedlich und gut mit ihren Familien und den deutschen Nachbarn zusammen. Was also lag näher, als mit der Präsidentenmaschine Air Force One in der Eifel zu landen und die Zeremonie auf dem Soldatenfriedhof Bitburg abzuhalten. So jedenfalls hatten sich das die Regierungschefs und ihre Stäbe gedacht. Heraus kam ein Spektakel, das weltweit über Monate hinweg für erbitterte Auseinandersetzungen sorgte. Entweder hatten die Kundschafter übersehen, dass auf Kolmeshöhe nicht nur rund 2000 deutsche Soldaten des Ersten und Zweiten Weltkrieges begraben liegen, sondern auch 49 Angehörige der Waffen-SS. Oder sie hatten die Brisanz dieser Tatsache maßlos unterschätzt. Fortan war weltweit noch nur vom Nazifriedhof die Rede, Bitburg wurde als "Nazi-Town" beschimpft. Selbst die kommunistische Parteizeitung der Sowjetunion, "Prawda" ("Wahrheit"), giftete in Richtung Bitburg und sprach von einer Nazi-Stadt, die Kohl und Reagan auf keinen Fall besuchen dürften. Besonders erbittert geführt wurde die Auseinandersetzung in den US-Medien, von den dortigen Veteranenverbänden und jüdischen Organisationen. Ronald Reagan geriet innenpolitisch massiv unter Beschuss. Die Forderungen, den Besuch in Bitburg vom Programm der Staatsvisite zu streichen, wurden immer lauter, je näher das Ereignis rückte. Helmut Kohl ging es in Deutschland kaum besser. Er war für das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ohnehin das Feindbild schlechthin, entsprechend hart fielen die Artikel aus. Franz-Josef Strauß sprang wenig zimperlich mit seinem Intimfeind Kohl um, sorgte mit Alternativvorschlägen zum Besuchsprogramm für zusätzlichen Zündstoff. Und auch das Außenministerium zeigte sich nicht begeistert von dem, was im Kanzleramt ausgebrütet worden war. Der damalige Außenminister Hans-Dietrich Genscher hielt sich zwar öffentlich mit Rücksicht auf die Koalitionsdisziplin zurück, dafür fütterten Beamte seines Amtes die Medien fleißig mit immer neuer Munition. Und die schossen mit immer neuen Artikeln und Kommentaren schärfer und einseitiger zurück. Helmut Kohl saß die Attacken aus, ebenso wie Ronald Reagan. Doch beide reagierten. Das Besuchsprogramm in Bitburg wurde radikal zusammengestrichen, der Friedhofsbesuch drastisch verkürzt, die staatstragenden Reden und der Eintrag ins Goldene Buch wurden auf die hermetisch abgeriegelte Air Base verlegt, und der Besuch im ehemaligen Konzentrationslager Bergen-Belsen wurde eiligst ins Programm des Staatsbesuchs aufgenommen. In dieser aufgeheizten und äußerst angespannten Atmosphäre fand der Besuch auf Kolmeshöhe schließlich statt, und er ging - erstaunlich genug - friedlich über die Bühne. Er dauerte ganze zehn Minuten. Die aber machten vor 20 Jahren Geschichte.