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"Zensus 2011" weckt Hoffnungen und Ängste

"Zensus 2011" weckt Hoffnungen und Ängste

Am 9. Mai 2011 ist der Stichtag für die Erfassung der bundesdeutschen Bevölkerung. Die Volkszähler werden nicht mehr von Haus zu Haus marschieren, die Befragung umfasst nur noch einen Teil der Bürger und wird in einem komplizierten System hochgerechnet. Der "Zensus 2011" erreicht langsam das Bewusstsein der deutschen Öffentlichkeit.

Der Ablauf



Zum Stichtag werden die vorhandenen Daten der Arbeitsagentur und die aktualisierten Melderegister der Gemeinden zusammengeführt. Deutschlandweit wird abgeglichen, wer mehrfach gemeldet ist. Parallel besuchen Interviewer stichprobenartig rund zehn Prozent aller Haushalte mit einem zwölfseitigen, 57 Punkte umfassenden Fragebogen. Es geht um die Anzahl von Personen im Haushalt, das Alter, aber auch Beruf, Herkunft und Religion. Eine schriftliche Befragung richtet sich an alle Eigentümer von Wohnungen, Gebäuden und Immobilien - rund 17,5 Millionen. Alle Bürger sind zur Auskunft verpflichtet. Für die Erfassung und Zusammenführung ist ein Jahr eingeplant, ein weiteres für die rechnerische Ermittlung der endgültigen Daten. Sie dürften erst 2013 vorliegen. Der Zensus kostet rund 700 Millionen Euro.

Die Gründe



Die Bundesregierung hat 2006 die Durchführung des Zensus beschlossen. Neben den EU-Anforderungen war ein zentraler Grund dafür die Uneinheitlichkeit der Melderegister. So schwanken die Einwohnerzahlen zwischen dem Gemeinde-register vor Ort und den Erhebungen des statistischen Landesamtes teilweise enorm. Das ist ein Problem, wenn es etwa um die Berechnung von Zuweisungen und Fördergeldern geht. Bundesweit soll die offizielle Bevölkerungszahl um mehr als eine Million neben der Realität liegen. Aber es fehlen auch Rahmen- und Strukturdaten, um elementare Planungsentscheidungen vorzubereiten.

Die Gegner



CDU und SPD haben den Zensus beschlossen, FDP und Grüne haben sich enthalten, die Linke hat dagegen gestimmt. Die Zensus-Skeptiker gruppieren sich um den bundesweiten "Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung", einen Zusammenschluss von Bürgerrechtlern, Datenschützern, Organisationen und Internet-Aktivisten. Dort glaubt man, dass der Zensus das Recht auf "informationelle Selbstbestimmung" verletzt und deshalb verfassungswidrig ist. Die schärfste Kritik richtet sich gegen die Zuordnung der Daten über eine zentrale "Personenkennziffer", die jederzeit Rückschlüsse auf die Identität möglich mache - was die Befürworter heftig bestreiten. Die Ermittlung aktueller Bevölkerungszahlen ist nach Meinung der Gegner auch ohne "Zwangsbefragungen" möglich. Für den 11. September dieses Jahres ist eine Großdemo in Berlin geplant.

Die Verwaltung



Die Organisation der Befragung liegt bei den Gemeindeverwaltungen vor Ort. Sehr weit fortgeschritten ist etwa die Stadt Trier. Sie hat schon im April ein vierköpfiges "Zensusbüro" eingerichtet. 100 Interviewer werden in den nächsten Monaten geschult, um im kommenden Frühjahr 4000 bis 5000 Haushalte zu besuchen. Die Stadt erhofft sich wichtige Erkenntnisse über Bevölkerungszahl und -struktur, Bildung, Einkommen, Wohnsituation und Erwerbstätigkeit - und damit eine solide Geschäftsgrundlage für Bereiche wie Stadtplanung und Schulentwicklung bis hinunter auf die Stadtteilebene.

Die Wissenschaftler



Die "registergestützte Erhebung", also die Mischung aus vorhandenen und neu abgefragten Daten, ist ein hochkomplexer wissenschaftlicher Vorgang, für den es wenig "Prototypen" gibt. Der Trierer Statistik-Professor Ralf Münnich hat den Auftrag erhalten, ein Berechnungsmodell zu entwickeln. Seit 2007 wird daran gearbeitet, die Fertigstellung ist für September 2010 avisiert.

Der Veteran



Als die Auseinandersetzungen um die Volkszählung 1987 tobten, geriet Trier bundesweit in die Schlagzeilen. Ein völlig aus dem Ruder laufender Staatsanwalt verwechselte Volkszählungsgegner mit Terroristen, ließ Redaktionen durchsuchen und gebärdete sich, als habe er es mit Schwerkriminellen zu tun. Trauriger Höhepunkt: Die Trierer Justiz verhängte Beugehaft gegen den Grünen-Geschäftsführer Ewald Adams, weil er sich weigerte, einen Mitstreiter zu denunzieren, der sich erdreistet hatte, auf einer Kundgebung den Computer-Erfassungscode von seinem Volkszählungsbogen abzutrennen.

Der Clou: Als sich Adams, begleitet von etlichen Foto- und Fernsehkameras, zum Antritt seiner Haft ins Trierer Gefängnis begab, hatte man längst kalte Füße bekommen und weigerte sich, ihn hineinzulassen. Heute ist Adams 56, immer noch Grünen-Geschäftsführer, aber der Zensus bringt ihn nicht aus der Ruhe. "Wir haben das, glaube ich, noch nicht so richtig registriert", sagt er. Und ob es im Zeitalter von Facebook und wkw großen Widerstand gibt, daran hat er erhebliche Zweifel.