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Zu starker Tobak für stramme Katholiken

Zu starker Tobak für stramme Katholiken

Reveriano Camil erntete für seine graziösen Tänze im Trierer Dom nicht nur positive Reaktionen.

Trier War es "eine besondere spirituelle Erfahrung"? Oder waren die Tanzeinlagen des Choreografen Reveriano Camil im Trierer Dom "unmöglich" oder "erschreckend", wie manche Kritiker fanden? Die Meinungen über den ungewöhnlichen Auftritt des Trierer Tänzers während des live im Fernsehen übertragenen Sonntagsgottesdienstes gingen jedenfalls weit auseinander. Und über keinen anderen Bestandteil des einstündigen Eröffnungsgottesdienstes der diesjährigen Misereor-Fastenaktion wurde anschließend in diversen Internetforen so kontrovers diskutiert. "Ich will hier wie üblich meine Messe genießen", schrieb etwa eine Frau auf der Facebookseite des Bistums, "ich mag nur diese Hottentottentänze nicht."
Vor dem "Altar herumzuhampeln, wenn das Allerheiligste gegenwärtig ist", sei unangebracht und respektlos, echauffierte sich ein anderer.
Die Medienleute des Bistums hielten wacker dagegen, antworteten meistens postwendend auf die einlaufenden Kommentare. "In Burkina und anderen Teilen der Welt ist das üblich", wurde etwa einem Kritiker entgegengehalten, und "im Übrigen ist der Künstler nicht herumgehampelt". Einige Zuschriften waren allerdings so beleidigend oder rassistisch, dass sie von der Facebookseite wieder entfernt wurden.
"Uns war schon klar, dass es eine Klientel geben würde, die sich an den Tanzdarbietungen reibt", meinte ein Bistumsmitarbeiter im Gespräch mit unserer Zeitung. Besonders für manchen strammen Katholiken sei das einfach "zu starker Tobak" gewesen.
Doch die Initiatoren bekamen auch reichlich Zuspruch. "Schön, dass sich die Kirche neuen Ideen zuwendet", hieß es in einer Zuschrift, "wir sind doch Weltkirche, sollten uns auch auf Neues einlassen", in einer anderen.
Die Idee zu der ungewöhnlichen Performance hatte laut Reveriano Camil Domkapellmeister Thomas Kiefer. Der freute sich anschließend über die "Vielfalt der Reaktionen"; sie entspreche seiner Intention. "Toll, dass so etwas im Dom und im Bistum möglich ist", so Kiefer, der seit einem halben Jahr auch eine Professur für Chorleitung in Wien hat.
Um die Vorbereitung für den von immerhin knapp 800 000 ARD-Zuschauern gesehenen Gottesdienst hatten sich Mitarbeiter des Bistums und des Aachener Hilfswerks Misereor gemeinsam gekümmert. In diesem Jahr steht Burkina Faso im Mittelpunkt der Fastenaktion. Weil das westafrikanische Land zu den ärmsten Ländern der Welt gehört, begann Reveriano Camil seinen ersten Tanz symbolisch kniend am Boden vor dem Altar, um sich dann langsam und mit ausholenden Armbewegungen aufzurichten - passend zu den einleitenden Worten von Bischof Stephan Ackermann ("Gott will, dass wir aufrecht durchs Leben gehen und nicht buckeln").
Auch Camils zweiter Tanz nach der Wandlung, der im vorderen Teil des Doms begann und auf der Altarinsel endete, war voller Symbolkraft. "Es ging um den Weg zum Fortschritt und die Verständigung der Länder", sagt der ursprünglich aus Mexiko stammende und schon seit zwölf Jahren in Trier lebende Tänzer.
Er selbst hat nach eigenen Angaben bislang nur positive Reaktionen erhalten - inklusive eines Lobs vom Bischof. Der zweite Auftritt wäre übrigens fast gescheitert, weil ein Ordner ihn freundlich, aber bestimmt darauf hinwies, dass man seine Schuhe im Dom auf keinen Fall ausziehen dürfe. Camil tanzte barfuß.