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Zwei Mamas, ein Zuhause

Endlich eine vollständige und glückliche Familie: die Pluniens aus Konz-Oberemmel.Foto: Willi Speicher
Endlich eine vollständige und glückliche Familie: die Pluniens aus Konz-Oberemmel.Foto: Willi Speicher
KONZ. Johanna und Matthias haben jeweils zwei Mamas. Eine Bauchmama und eine, die jetzt ihre Mama ist. Die beiden wurden adoptiert.Ilka und Heinz Plunien in Konz-Oberemmel wurden durch sie zu Eltern. ARRAY(0xf80d448)

Stolz zeigt die Fünfjährige das Bild der Frau, die sie geboren hat. "Schau mal, das ist die Nicole", sagt die Kleine. Sie sagt Nicole, nicht Mama. Die war damals 18, lebte in einem Heim, als sie schwanger wurde. Sie hat Johanna zur Adoption freigegeben. Johannas Bruder Matthias kennt seine Bauchmama nicht. Sie hat den Kontakt mit dem heute Dreijährigen und seinen neuen Eltern direkt nach der Geburt abgebrochen. Johanna und Matthias haben bei Ilka und Heinz Plunien im Konzer Stadtteil Oberemmel ein neues Zuhause und eine neue Familie gefunden. Johanna schaut oft in ihr Fotoalbum, schaut die Babybilder an, wie sie in der Plastikwanne gebadet wird, wie sie mit ihrer Bauchmama und ihren Eltern gemeinsam auf der Wiese steht. Der Kontakt zu Nicole sei gut, sagen Johannas Eltern. Sie haben ihrer Tochter von Anfang versucht zu erklären, dass sie zwei Mamas hat. Auch Matthias weiß, dass er nicht aus dem Bauch seiner jetzigen Mama gekommen ist. Sechs Jahre hat es gedauert, bis die Pluniens endlich Kinder hatten. Eigene konnten sie nicht bekommen. "Für uns war schnell klar, dass wir Kinder adoptieren wollten", erzählt die 39-Jährige. Es folgten zahlreiche Gespräche auf dem Jugendamt. Sie mussten viel von sich preisgeben - warum sie unbedingt ein Kind haben wollte zum Beispiel, ob sie Probleme mit Kindern von Drogenabhängigen oder Prostituierten hätten, ob sie auch ein farbiges, ein krankes oder behindertes Kind nehmen würden. Sie mussten einen ausführlichen Lebensbericht schreiben, jeder für sich, ausführlich über seine eigene Kindheit, seine Eltern. Doch Hoffnung machte man ihnen nicht auf dem Jugendamt. Mehr als zwei Adoptivkinder in einem Jahr wurden in der Vergangenheit in Trier nicht vermittelt. Die Pluniens bewarben sich auch bei anderen Jugendämtern und Organisationen in Deutschland. Und während Ilka und Heinz hofften, irgendwann doch noch zu den wenigen glücklichen Adoptionseltern zu gehören, bekamen immer mehr Freunde und Bekannte eigenen Nachwuchs. "Das tat schon weh. Man glaubte, plötzlich überall nur noch Kinderwagen oder Schwangere zu sehen", erinnert sich die Arzthelferin. Falls sie in Deutschland kein Glück haben sollten, hofften sie, im Ausland ein Kind zu finden. Doch dann meldete sich das Jugendamt in Köln. In einem Kinderheim in Düren gebe es Zwillinge, die zur Adoption frei gegeben worden seien. Das Profil der Pluniens passe, sie sollten sich melden. Doch dann verzögerte sich das Verschicken der notwendigen Unterlagen zwischen den Jugendämtern. Ein anderes Paar adoptierte die Neugeborenen. Für Ilka und Heinz Plunien brach eine Welt zusammen. "Wir dachten, das wäre unsere letzte Chance gewesen", sagt der 43-jährige Krankenhausschreiner. "Danach hatten wir die Sache abgehakt." Wochenlange Enttäuschung, sie waren am Boden zerstört. Sie sahen ihr Glück in Gefahr. Und dann meldete sich das Jugendamt im nordrhein-westfälischen Düren. In dem Heim, in dem die Zwillinge gelebt hatten, würde eine 18-Jährige ein Kind bekommen, das zur Adoption frei gegeben werden solle. Einen Tag nach der Geburt fuhren Ilka und Heinz Plunien nach Düren, nahmen ihre Johanna zumersten Mal in den Arm. Sie war gesund, siekonnten sie gleich mit nach Hause nehmen. Als Johanna zweieinhalb Jahre alt war, kam wieder eine Nachricht vom Jugendamt in Düren. Eine 39-Jährige gebe ihr Kind zur Adoption frei. "Damit hatten wir gar nicht mehr gerechnet. Wir waren ja schon super glücklich, dass wir ein Kind hatten", sagt Ilka Plunien. Was sie dieses Mal erwartete, wussten sie nicht. Die Mutter von Matthias hatte getrunken, der Kleine kam zu früh zur Welt, lag noch im Brutkasten, als sie ihn das erste Mal sahen.Alle Enttäuschungen sind vergessen

"Wir wussten nicht, ob er krank sein und wie er sich entwickeln würde." Matthias war sehr klein und schwach, musste noch einige Zeit im Brutkasten bleiben. Um nicht ständig nach Düren fahren zu müssen, ließen sie den Jungen ins Trierer Mutterhaus bringen, wo Heinz Plunien arbeitet. "Ich ging in jeder Mittagspause zu ihm, hielt seine Hände", erzählt der Vater. Matthias hat sich gut entwickelt. Dass sie Adoptivkinder sind, wissen er und seine Schwester, damit gehen sie selbstbewusst um. Oma und Opa haben die beiden von Anfang an ins Herz geschlossen, genau wie alle anderen Verwandten und Bekannten. Wenn Johanna und Matthias mit Hund Anton, einem Golden Retriever, durch den Garten toben, dann wissen Ilka und Heinz Plunien, dass sich die Anstrengungen gelohnt haben. Dann sind die Enttäuschungen, die Tiefschläge vergessen.